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A WONDERFUL DAY – die Stimmen Taiwans

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A WONDERFUL DAY – die Stimmen Taiwans | story.one

Nach 17 Stunden Reisezeit sind wir in Taiwan angekommen. Mein Kollege Werner und ich wollen eigentlich nur noch ins Hotel, denn schon am nächsten Tag erwarten uns wichtige Verhandlungen. Unser Auftrag lautet, den Zuschlag für ein großes Projekt zu bekommen. Auch am späten Abend ist es noch drückend heiß, 35° Celsius, 95 Prozent Luftfeuchtigkeit. Sofort sind wir schweißgebadet, als wir das Flughafengebäude verlassen. Mr. Wu holt uns ab und bringt uns in unser Hotel, ein nobles 5-Sterne Hotel. Es soll uns Gästen ja gut gehen.

Aus unserem Plan, sogleich ins Bett zu gehen, wird nichts. Wir werden in ein luxuriöses japanisches Restaurant eingeladen. Es wäre sehr unhöflich, diese Einladung abzulehnen – und wir müssen ja auch ein gutes Bild abgeben, wollen wir doch das Projekt für unsere Firma gewinnen. Doch was uns alles erwartet, ahnen wir nicht. Der Abend – oder besser: die Nacht - ist noch lange nicht zu Ende. Ich bin ja eher ein Liebhaber deftiger bayrischer Küche und nicht so sehr der Gourmet - kleine Portionen und tausend Gänge, das liegt mir nicht. Aber die Küche hier ist sicher vorzüglich.

Mittlerweile ist es kurz vor Mitternacht und damit nun wirklich langsam Schlafenszeit. Doch für uns wurde Anderes geplant. Werner hatte die Befürchtung während dem Flug schon geäußert, und jetzt wird es zur Realität: Nach 30 Minuten Taxifahrt landen wir in einer Karaoke-Bar. Die Taiwanesen singen voller Inbrunst und haben riesig Spaß dabei.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir an der Reihe sind. Eigentlich wollte ich das vermeiden, aber das ist nicht möglich. Damit es leichter fällt, singen Werner und ich gemeinsam in unsere Mikrofone – ausgerechnet wir, die keine große Gesangskarriere hinter uns haben und uns schon zu Schulzeiten vor dem Vorsingen gedrückt hatten. „A Wonderful Day…“ und viele andere schöne englische Texte sucht man für uns aus. Es muss sich grausam angehört haben, doch zum Glück lassen es sich die sehr höflichen Taiwanesen nicht anmerken. Ich höre immer nur Werner. Er wiederum erzählt hinterher, dass er immer nur mich gehört hat. Wir haben wohl beide versucht, uns gegenseitig zu übertönen, ohne das wirklich zu wollen. Das Ergebnis war mit Sicherheit herrlich schrecklich.

Erst um vier Uhr morgens dürfen wir endlich in unser Hotel. Todmüde fallen wir in unsere Betten. Bereits drei Stunden später werden wir abgeholt.

Heiser von der letzten Nacht sitzen wir etwa 30 Verhandlungspartnern gegenüber – auch das hatten wir uns nicht so vorgestellt. Am nächsten Tag fliegen wir zurück und lassen diese ganz andere und verrückte Welt hinter uns.

Insgeheim hoffe ich, dass wir das Projekt nicht bekommen, da es mit großer Wahrscheinlichkeit mein Projekt werden würde und ich dann einige Zeit in Taiwan verbringen müsste. Und da wollte ich nicht mehr hin.

Zwei Jahre später verbrachte ich dann sieben Wochen in Taiwan: sehr spannende und interessante, aber auch sehr anstrengende Wochen – und zugleich „wonderful days“, wundervolle Tage.

© Toni Grießbach 13.12.2019

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