DER GELBE EIMER – Helden auf See

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DER GELBE EIMER – Helden auf See | story.one

„Aufstehen, zieht euch warm an, es ist kalt und nass.“ Simone und Tanja versuchen, den Weckruf für die nächste Schicht so freundlich wie möglich zu gestalten, doch alleine der Inhalt der Nachricht macht dies nicht einfach. Durchnässt und sichtlich geschafft von ihrer ersten Schicht stehen sie in meiner kleinen Kabine, die ich mit 4 Mitseglern teile. Wir sind in der Drake-Passage, der schwierigsten und gefährlichsten Schifffahrtsroute der Welt zwischen der Südspitze Südamerikas und der Antarktis.

Ich quäle mich aus der Koje. Das Schiff hat eine bedenkliche Schräglage und bewegt sich heftig auf und ab. Ohne mich irgendwo festzuhalten, geht nichts mehr. Wesentlich länger als gewöhnlich dauert es, bis ich alle erforderliche Kleidung angezogen habe: warme lange Unterwäsche, Skihose, Segler-Hose, Merino-Unterhemd, dünner Fleece-Pullover, dicke Fleece-Jacke, Segler-Jacke, warme gefütterte Gummistiefel, eine dicke Mütze und Handschuhe.

Meine erste Wache ist die sogenannte „dog watch“, Mitternacht bis 4 Uhr früh. Die Schotts vor den Türen aus dem Deckhaus hinaus aufs Deck sind wasserdicht verschlossen. Bei derart rauer See ist nur der Ausgang im Heck offen. Auf Deck sind Seile gespannt. Das Anlegen eines Klettergurtes und das Einklinken in die Sicherheitsseile ist nun Pflicht. Immer wieder wird das Deck von Wassermassen überflutet, 40 Knoten Wind, das ist Windstärke 9, Sturm.

Als Wildwasserfahrer habe ich mit meinem kleinen Kajak schon riesige Flüsse mit meterhohen Wellen befahren. Aber hier, auf diesem mehr als 100 Jahre alten Segelschiff, fühlt sich das alles plötzlich ganz anders an. So war das nicht geplant. Ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Wind und Wellen wollte ich ja schon wegen der Möglichkeit, spektakuläre Fotos machen zu können. Aber dass sich das dann so anfühlt…

Noch bevor ich an Deck gehen kann, wird das Verlangen nach einem der kleinen, gelben Eimer immer stärker. Doch leider sind diese gerade alle vergriffen. Rian eilt nach unten, um einen Eimer für mich zu holen, doch Chen, der ihr entgegen kommt, entreißt ihr das gelbe Ding und tut, was er tun muss. Ich kämpfe weiter. An Deck kann ich jetzt nicht gehen, zu sehr muss ich mich konzentrieren, und außerdem habe ich ja meinen Klettergurt noch nicht komplett angelegt.

Heldenhaft wollte ich in meiner ersten Wache am Steuer stehen, wie ein alter Seebär dem Sturm, der Nässe und Kälte trotzen. Jetzt hänge ich über dem Geschirrrückgabekorb, das einzige Gefäß, dass ich in meiner Not finden konnte. Das ist sie also, die Seekrankheit, die jetzt nicht mehr zu stoppen ist. Schweißgebadet und wie das pure Elend kauere ich am Boden neben meinem Korb. An das Antreten der Wache ist jetzt nicht zu denken. Es dauert lange, bis ich den Weg zurück in meine Koje wage. Die nächsten 24 Stunden verbringe ich dort unten.

„Drake is awake…“ Die Drake Passage macht ihrem Ruf alle Ehre, 2/3 der Crew sind seekrank. Sogar den Kapitän hat es erwischt.

Die Seefahrt ist nichts für Helden ;-)

© Toni Grießbach