In einer Mausefalle – Eine Erstbefahrung

Der Monsun war dieses Jahr ungewöhnlich stark und es regnet immer noch. Wir stehen am Ufer des „Bösen Flusses“, wie der Salween in Tibet heißt.

Auf einem so großen Fluss, der aufgrund des Hochwassers eine vielfache Wassermenge des Colorados im Grand Canyon führt, ist noch keiner von uns gefahren.

Wir sind die Ersten, die den „Bösen Fluss“ auf 200 km Länge befahren wollen.

Auch nach Tagen des Wartens sinkt der Wasserstand nicht. Wir müssen uns entscheiden, ob wir noch vor dem Start abbrechen sollten, was bedeuten würde vier Tage mit Geländewägen über kaum passierbare Pässe zurückzufahren, ein nicht kalkulierbares Risiko.

Wir steigen in unsere Boote.

In unseren Kajaks kommen wir uns in diesen Wassermassen klein vor, sehr klein. Riesige Wellen, gefährliche Verschneidungen und gigantische Whirlpools, die uns immer wieder absaugen, fordern uns gewaltig.

Am späten Nachmittag erreichen wir die erste wirklich große Stromschnelle. Ein Erdrutsch hat ungeheure Mengen an Geröll und Felsen in den Fluss befördert.

Diese Stromschnelle können wir nicht befahren, das Gefälle ist zu hoch und wir sehen nur ein Inferno aus braunen Wassermassen.

Aber was ist die Alternative?

Über den Erdrutsch die Boote tragen ist nicht möglich. Dazu ist es zu steil und immer wieder donnern Steine herunter. Die andere Seite des Flusses ist von einer senkrechten Felswand begrenzt.

Auch umkehren ist nicht möglich.

Wir sitzen in einer Mausefalle.

Sehr lange blicken wir in das Wasser, um eine Möglichkeit zur Befahrung zu finden, doch je länger wir suchen, desto auswegloser erscheint uns unsere Situation.

Brock klettert einige Meter am Fluss entlang um mehr zu sehen.

Als er zurückkommt, sagt er nur: „It is BIG!“.

Es fängt zu hageln an.

Wie leichtsinnig war es doch, bei diesem Hochwasser zu einer Erstbefahrung zu starten.

Und nun?

Wir müssen unsere Sichtweise umstellen, wir dürfen nicht überlegen was passieren kann, wir müssen sehen wie es gehen kann.

Wir sind uns nicht einig, ob es in Flussmitte oder eher auf der linken Seite eine befahrbare Linie geben könnte. Was nach der Kurve kommt ist nicht zu sehen.

Wir verschwinden in Wellen bisher ungesehener Dimension.

In sich überschlagenden Wellen werden wir durch die Luft geschleudert. Wir können uns immer nur oben auf den Wellen orientieren und es braucht einige Paddelschläge um bei diesen bis zu 10 m hohen Wellen vom Tal bis nach oben zu kommen.

Wir konzentrieren uns auf den Kampf, aufs Überleben. Für andere Gedanken ist jetzt kein Platz.

Nach etwa 15 dieser Wellen wird es ruhiger und wir können ein stark pulsierendes Kehrwasser erreichen.

Alle kommen gut durch und mit einbrechender Dunkelheit schlagen wir unser Lager auf.

Dies war die erste von etwa 20 Stromschnellen, die auf den Satellitenaufnahmen erkennbar waren.

Was wird uns die nächsten Tage noch erwarten?

Sitzen wir vielleicht jetzt erst richtig in einer Mausefalle?

Mit der Umstellung der Denkweise zu positivem Denken, werden wir schon durchkommen...

© Toni_Grießbach