Feuer am Dach

Soeben hat der Klang der Sirene unseren gemütlichen Nachmittag durchdrungen. Ich sehe instinktiv zum Christbaum im Wohnzimmer und bin in Gedanken wieder in meiner Kindheit. Das Christkind hatte mir meinen sehnlichsten Wunsch erfüllt: wunderbar weiße Eislaufschuhe. Die Tradition verlangte es, dass wir am zweiten Weihnachtsfeiertag, dem Stefanitag uns alle bei meinen Großeltern versammelten, um Opas Namenstag und Geburtstag zu feiern. Die Männer saßen um den Wohnzimmertisch, spielten Karten und rauchten genüßlich ihre Zigarren. Etwas dahinter, quasi in der zweiten Reihe, war ein kleiner Tisch aufgebaut, um den sich die Frauen der Familie versammelt hatten und Neuigkeiten besprachen, während sie die Weihnachtskrapferl (bei uns heißen sie nicht Kekse oder Plätzchen, sondern Krapferl) verkosteten. Und wir Kinder hielten uns in der Küche auf, saßen auf dem alten, durchgelegenen, aber umso gemütlicheren Sofa, tranken Tee und spielten diese wunderbaren alten Spiele: Faden abnehmen, Schattenspiele, stille Post und noch einiges mehr. Oma umsorgte uns und wir waren froh, nicht in den dicken Rauchschwaden des Wohnzimmers sitzen und ruhig den Erwachsenengesprächen lauschen zu müssen. Damals herrschte noch die Devise: Kinder sprechen nur, wenn sie gefragt werden!

Mitten hinein in diese Idylle nachweihnachtlicher Gemütlichkeit platzte plötzlich ein älterer Mann. "Rosi, Rudi, fahrts heim, bei euch brennts!" rief er meinen Eltern zu, drehte sich um und lief zum nächsten Feuermelder, um die Feuerwehr zu alarmieren. Meine Eltern und die männlichen Familienmitglieder machten sich sofort auf den Weg nach Hause, um zu retten, was noch zu retten war. Wir Kinder mussten bleiben, es war sicherer so. Mitten in den allgemeinen Schrecken und das Chaos eines raschen Aufbruches durchfuhr mich ein fürchterlicher Gedanke: meine Eislaufschuhe! Sie durften doch nicht verbrennen! Bitte, liebes Christkind, mach, dass die Eislaufschuhe nicht verbrennen!

Immer wieder sagte ich diese Sätze vor mich hin. Nichts war mir wichtiger, alles, alles konnte ich entbehren. Die Zeit verging quälend langsam, die Minuten zogen sich ins Unendliche, während meine Oma sich bemühte, uns zu unterhalten und auf andere Gedanken zu bringen, während sie selbst vor Sorgen verging.

Plötzlich öffnete sich die Tür zur Veranda und ein Feuerwehrmann kam in die Küche. Das Gesicht war leicht rußig und er brachte beißenden Geruch mit sich. Gebannt blickte ich ihm ins Gesicht, was würde er uns jetzt sagen? Er nahm den Helm ab, fuhr sich durch die schütteren Haare, blickte in die ängstliche Runde und begann ganz bedächtig: "Ja, mei, der Dachboden is halt abbrennt! Die Mäus haben ein Loch in den Kamin gebissen und's Stroh is brennat worden. Sunst is nix passiert!"

Er hätte mir keine schönere Nachricht überbringen können! Meiner kindlichen Seele war es völlig egal, ob wir ein Dach über dem Kopf hatten. Meine Eislaufschuhe waren gerettet! Nur das zählte für mich.

© Traude