Schattensprung ins Licht

Als Kind hatte ich immer Angst vor dem Ungewissen. Ich wusste nicht, wer zu meiner Geburtstagsparty erscheinen würde, daher lud ich niemanden ein. Vor der Vorstellung einer Seilbahn oder einer Boeing 747 mein Leben anzuvertrauen graut mir heute noch.

Das Geräusch von herausfahrenden Landeklappen konnte ich nie leiden. Anfang letzten Jahres musste ich es wieder hören und versuchte, es mit einem erbärmlich gemurmelten „Time to say Goodbye“ zu übertönen.

Als ich schließlich in meiner Herberge einquartiert war, fühlte ich, dass sich etwas ändern würde. Zeit, über meinen Schatten zu springen.

Die erste Aufgabe: Smalltalk. Für manche Menschen passiert es einfach so, doch für mich ist das eine Qual. Ich sprach mit meinem Gastgeber. Er war ein Ex-Filmstar und zeigte mir stolz Bilder von seinen Liebesszenen mit einer indonesischen Diva. Da ich auf der Suche nach lebensverändernden Abenteuern war, erzählte er mir von einem Strand, der von Krokodilen heimgesucht wird. Bingo! Und schon machte ich mich auf den Weg.

Ich irrte durch ein Labyrinth von engen Gassen, die an brasilianische Favelas erinnerten. Spielende Kinder, grillende Väter und Großväter mit Dominosteinen. Ihre Gesichter erfroren und sie starrten mich an.

Plötzlich fühlte ich ein kräftiges Klopfen auf meiner Schulter und ich spürte ein derbes Gemisch aus Adrenalin und Cortisol in meinen Adern. Wer wohl an meine Schulter klopfte? Schon wieder diese Ungewissheit! Ich drehte mich um und bekam Gänsehaut. Eine Bande Teenager, bewaffnet mit Steinschleudern, starrte mich an. Ihr Blick versteinerte mich als hätte ich Medusa vor mir. Was wollen die von mir? Urplötzlich fingen sie an spöttisch zu lachen und ich sah wie zwischen ihren Zähnen eine blutrote Substanz hervorquoll. Nicht nur ihr Mund, sondern sogar ihre Augen lachten. Einer der Jungen gab mir ein high five und sagte: „Hello Mister! You wanna check out a cool cave?“

War dies der Moment, auf den ich gewartet hatte? Über meinen eigenen Schatten zu springen? Jedenfalls antwortete ich mit “Sure” und hüpfte auf den Hintersitz der Kawasaki Ninja. Wir rasten durch die trockene Prärie und ich fragte mich, ob es auf Timor vielleicht doch noch Kannibalen gibt. Sie erklärten mir, ihr blutiges Grinsen käme von einer Droge namens Betelnuss. Sie zu probieren lehnte ich dankend ab. Meine Sinne waren schon genug stimuliert.

Wir kämpften uns durch Dornenbüsche und ich sah den Eingang zur Höhle. Steil, rutschig und dunkel. Wir stiegen hinab und ich bekam es mit allen meinen Ängsten zu tun: Ungewissheit, mangelndes Urvertrauen und Höhenangst. Nach einer guten halben Stunde sah ich das Licht am Ende des „Tunnels“: Lauwarmes Wasser, das dank eines dünnen Lichtkegels Türkis strahlte. Ich blickte empor zum Höhleneingang. Er schien so weit entfernt und der Aufstieg erschien mir unmöglich.

Den Krokodilstrand habe ich nie gefunden. Dafür hab’ ich mich gefunden.

© Tristan Auer