Das Opferlamm

Prophet Ibrahim hätte fast seinen eigenen Sohn geopfert, um zu zeigen, wie tief und ohne Zweifel sein Glaube an Allah ist. Im letzten Augenblick greift Allah ein und ersetzt Ibrahims Sohn durch ein Schaf und bittet Ibrahim das Tier zu schlachten.

So wurde es uns von klein auf erzählt. Aus diesem Grund fuhren wir einmal im Jahr - wie viele andere türkischen Familien auch - zu einem Bauernhof in Niederösterreich, um zum Opferfest ein Schaf zu schlachten.

Es fiel uns Kindern nicht leicht beim Schlachten zuzusehen, wie dem armen Tier die Beine zusammengebunden und das Messer an die Gurgel gesetzt wurde, bis das Blut in einem kräftigen Strahl rausspritzte.

Das war wahrlich kein schöner Anblick! Mein Vater sah das Entsetzen in unseren Gesichtern und sagte:“ So lernt ihr wenigstens, wie das Fleisch in unseren Kühlregalen landet!“

In einer großen Wanne transportierten wir die Schafsteile inklusive dem Kopf und allen Innereien mit dem Auto in unsere Wohnung in Wien. Dort bekam jeder von uns eine Aufgabe zugeteilt. Mein Vater und mein Bruder zerstückelten die Knochen, meine Mutter und ich zerkleinerten die Fleischstücke.

Während wir mit dem Portionieren des Fleisches beschäftigt waren, kochte meine Mutter wie jedes Jahr die traditionelle Schafkopfsuppe. Der Schädel wurde nur grob in mehrere Teile zerlegt und mit ganz vielen Gewürzen und vor allem jeder Menge Knoblauch stundenlang gekocht.

Der Geruch war furchtbar intensiv, das ganze Stiegenhaus roch danach, aber noch schlimmer war der Anblick der Suppe, denn da grinste dich ein Schafkopf mit Aug’ und Zahn an und sollte verzehrt werden. Obwohl ich beim Essen nicht so heikel war und fast alles aß, war das für mich zu viel des Guten und konnte diese Mahlzeit jedes Jahr erfolgreich verweigern.

Meine Eltern erzählten uns, dass sie meistens nur einmal im Jahr, nämlich zum Opferfest, Fleisch essen konnten. Da wurde natürlich nicht lange überlegt und alles Essbare wurde verwertet und verzehrt.

Nach dem Zerlegen des Opfertieres teilten wir alles in sieben gleiche Teile auf. Einen Teil behielten wir für uns, die restlichen sechs schenkten wir an Familien weiter, die sich kaum Fleisch leisten konnten … So verlange es jedenfalls unsere Religion, sagten meine Eltern.

In unseren ersten Ehejahren durfte auch mein Ehemann diesem Prozedere einmal beiwohnen. Als er bei uns Zuhause zusah, wie wir voller Enthusiasmus das Tier zerlegten, sagte er etwas angsterfüllt: „Mit der Familie Altinok werde ich mich nie anlegen, denn ihr wisst genau, wie man eine Leiche verschwinden lassen kann!“

Mittlerweile schlachten wir keine Tiere mehr, da sich inzwischen sowohl meine Sichtweise auf Religionen als auch unser Fleischkonsum verändert haben, stattdessen spenden meine Eltern jedes Jahr Geld an ein Waisenhaus in der Türkei, wo das Fleisch armen Kindern zu Gute kommt.

Bild: © heebyj

© Ümit Mares