Feierlaune

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Feierlaune | story.one

Ich sag’s gleich, wir feiern alles! Ob Ramadan oder Kurban bayrami, Weihnachten, Ostern, Holi oder Nowruz und viele mehr.

Bei uns zuhause wird alles gefeiert, nicht weil wir so vielgläubig sind, sondern weil wir überzeugt sind, dass gemeinsames Feiern und gemeinsames Lachen die Herzen konfessionsunabhängig näher bringt.

Auf meiner Wiener Geburtsurkunde steht ich bin „islamitisch“. Keine Ahnung was das bedeutet, vielleicht eine Mischung aus islamisch und islamistisch. Wenn man mich nicht besser kennt, könnte man fast glauben, mit meinem männlichen Vornamen und meiner "islamitischen" Vergangenheit bin ich ein Schläfer, der an seinem Bombengürtel bastelt.

Aber keine Sorge, ich habe weder ein Talent für die vorgeschriebene Praktizierung von Religionen noch für Bombenbau. Ich feiere lieber die Feste wie sie fallen, weil ich Traditionen und Rituale einfach schön finde und im 21. Jahrhundert kann unser Planet mehr denn je gute Laune und ein achtsameres Miteinander gebrauchen.

Wie schon erwähnt wurde ich muslimisch sozialisiert, aber meine Eltern ließen mir frei, ob und wenn ja in welcher Form ich meinen Glauben praktizieren möchte. Eine Zeit lang war ich auch sehr interessiert an dieser Thematik, ich ging regelmäßig in Moscheen und Kirchen, recherchierte und las viel darüber. Aber zumindest bei den abrahamitischen Religionen kam ich irgendwann immer wieder zu folgendem Punkt:

Die Frau wird als Mutter zwar geehrt, aber letztendlich steht sie immer zumindest ein Eitzerl unter dem Mann. Und warum um Himmelswillen können Religionsvertreter noch immer nicht die so dringend nötige Bereitschaft für Weiterentwicklung zeigen?

Mit knapp 30 Jahren war der Tag gekommen mich zumindest bei meiner Familie zu outen. Als ich verkündete, dass ich mich nicht als Muslima definiere, verspürte ich sogleich die Erleichterung. Ich musste nicht mehr unehrlich sein. Meine Tante erwiderte:“ Ümit, was sagst Du da? Du begehst Sünde, wenn Du Allah leugnest!“ „Mach Dir keine Sorgen liebe Tante, es sind meine Sünden und falls es Allah doch gibt, dann hoffe ich auf einen ehrlichen Dialog, denn ich hätte da einige Fragen an ihn!“ war meine Antwort.

Mit meiner Entscheidung sehe ich mich aber in keinster Weise als etwas Besseres. Ich glaube, dass sich die meisten Menschen nach einem friedlichen Leben und nach Erkenntnis sehnen. Für den einen ist der Islam der Weg, die andere findet sich im Christentum wieder, der Dritte im Atheismus und die Vierte im Schamanismus.

Die Glaubensfrage ist etwas zutiefst Persönliches, die nur jede*r für sich beantworten kann, daher stellen wir es unseren Kindern frei ob und an was sie glauben möchten und sie können sich so viel Zeit wie nötig dafür nehmen bis sie ihre Antworten selbst gefunden haben. Bis dahin feiern wir weiterhin Feste, wie sie fallen, schmücken Bäume, backen Baklava oder bewerfen uns mit bunter Farbe, Hauptsache wir lernen voneinander und lachen miteinander.

© Ümit Mares