meine Mutter - meine Heldin

Sie ist gerade einmal 16 Jahre alt und hat mich vor Kurzem zur Welt gebracht. Sie lebt in Wien, einer ihr fremden Stadt, in einer 15 m2 Souterrainwohnung.

Meine Mutter spricht kaum Deutsch und hat einen Mann an ihrer Seite, den sie nicht aus Liebe geheiratet hat, sondern weil die Familienoberhäupter es so für sie entschieden haben.

Sie hat sozusagen die Arschkarte gezogen und befindet sich in einer misslichen Lage, aber zurück in die Türkei kann sie nicht.

Also beschließt meine Mutter das Beste daraus zu machen. Mithilfe des kleinen schwarz-weiß Fernsehers lernt sie autodidaktisch Deutsch. Sie kann schon bald Einkäufe und Arztbesuche selbstständig erledigen.

Mein Vater führt seit Kurzem eine Änderungsschneiderei und nimmt ihr immer wieder Stoffreste mit nach Hause. So beginnt sie zu nähen, anfangs noch einfache Kleider für mich und meine Puppen. Aber auch das beherrscht sie binnen kürzester Zeit sehr gut und ihre Arbeiten werden immer komplexer.

Schon bald kann sie Hosen, Röcke und andere Kleidungsstücke für Nachbarn und Bekannte ändern. Sie ist inzwischen so gut, dass sie stundenweise in der Änderungsschneiderei meines Vaters mitarbeiten kann.

Die Schneiderei in Hietzing läuft gut. Aber immer nur kürzen, erweitern, enger machen, wird ihr auch bald zu langweilig und sie beginnt neue Kleidungsstücke nach Maß zu nähen.

Das kleine Schwarze, ein kesser Rock oder ein schöner Blazer, alles kein Problem mehr für meine Mutter. Ich suche mir ein Kleid aus dem Katalog aus und sie näht es mir genauso nach. Nicht nur, dass meine nachgenähten Sachen deutlich günstiger sind, sie sind auch viel schöner, weil es Unikate sind. Auch aufwendige Ballkleider für mich und meine Freundinnen sind kein Problem für Mama.

Ich gehe inzwischen aufs Gymnasium, hole nachmittags meinen kleinen Bruder vom Hort ab, kümmere mich um ihn und bereite meistens das Abendessen vor, damit meine Mama Vollzeit im Geschäft mitarbeiten kann.

Diese Verantwortung fällt mir nicht immer leicht, denn während meine Freundinnen zum Beispiel ins Kino oder shoppen gehen, muss ich den Haushalt schupfen. Aber das Leben verlangt Entbehrung sagt meine Mutter.

Als angelernte Schneiderin ist es nun an der Zeit, das auch amtlich zu machen. Und natürlich besteht sie ihre Meisterprüfung mit Auszeichnung. Von nun an darf sich meine Mutter Schneidermeisterin nennen, darauf ist sie mit Recht sehr stolz!

Mit ihrem wachsenden Selbstbewusstsein entdeckt sie auch ihre Reiselust und reist mit Freunden um die Welt. Viele europäische Städte stehen am Programm und einen großen Traum erfüllt sie sich ebenfalls. Sie reist in die USA und verbringt vier Wochen dort. Voller Stolz erzählt sie ihren Verwandten in der Türkei, dass sie die erste Frau aus ihrem Dorf ist, die das geschafft hat.

Mittlerweile ist sie in Pension, beglückt uns regelmäßig mit ihren Kochkünsten und genießt Ihren "Unruhestand".

Diese Frau ist nicht nur meine geliebte Mutter, sie ist meine Heldin!

© Ümit Mares