Nicht zu fassen

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Corona ist seit ungefähr Ende Jänner auf meinem Radar. Gefühlsmäßig aber noch weit genug weg.

Schleichend wird Corona zum Hauptthema, sowohl im Freundeskreis als auch am Arbeitsplatz. Wir fragen uns Dinge wie:"Auf einer Skala von 1-10, wie besorgt bist Du?" Ich ertappe mich immer öfter dabei, wie ich in Öffis und im öffentlichen Raum meine Mitmenschen beobachte und instinktiv versuche etwas mehr Abstand zu halten. Unsere Begrüßungsrituale beginnen sich humorvoll und spielerisch zu ändern. Der Gemütszustand ist inzwischen eine Mischung aus Besorgnis und Galgenhumor.

Der Virus ist im Nachbarland bereits omnipräsent, jetzt klopft er immer lauter bei uns an. Bis ich am 10. März das Gefühl habe ihm direkt in die Augen zu schauen. Mein Arbeitsplatz schließt!

Die ersten Tage erlebe ich wie in einem Fantasyfilm, es fühlt sich alles surreal an. Ich habe das Gefühl Dauerbaff zu sein. Wie Schnee schmelzen meine Aufträge weg zuerst die im März, später alle bis Ende Juni.

Sogar der gute und sichere Arbeitsplatz meines Mannes ist betroffen, ab April geht er in die Kurzarbeit. Mir ist klar, dass wir bei Weitem nicht die einzigen sind, es betrifft mit einem Schlag zig Tausende Menschen.

Die Kinder spüren unsere Verunsicherung, wir wollen ihnen aber nichts vorspielen und erklären ihnen den Ernst der Lage. Sie zeigen Verständnis und wir motivieren uns gegenseitig, dass wir das gemeinsam schaffen.

Die gemeinsame Zeit schenkt uns viele schöne Momente. Wir spielen, diskutieren, sehen fern und sporteln. Mittlerweile haben wir auch gute Abläufe fürs Home schooling gefunden.

Gestern feiern wir den zwölften Geburtstag meines jüngeren Sohnes und merken, dass uns die Großeltern und Freunde, die sonst immer dabei sind, sehr fehlen. Wir singen alle gemeinsam über Facetime.

Ich ertappe mich dabei, dass ich noch immer nicht ganz fassen kann, was gerade auf unserer Welt passiert! Wer hätte noch vor einigen Monaten gedacht, dass wir unter den gegenwärtigen Umständen leben werden?

Trotz all den schönen Nebeneffekten, die diese "Auszeit" mit sich bringt, macht sie mir auch Angst. Gar nicht so sehr die Krankheit, sondern viel mehr die Langzeitauswirkungen, die wir heute noch nicht einmal annähernd abschätzen können. Ist das die Ruhe vor dem wirtschaftlichen Sturm?

Ich vertraue unserer Regierung und habe das Gefühl, dass sie sorgsam mit dieser außergewöhnlichen Situation umgeht. Und hoffe sehr, dass sie sich auch um die weniger Privilegierten kümmert.

Mein Name bedeutet Hoffnung und diese nie zu verlieren, ist nach wie vor mein Lebensmotto. Ich frage mich, was genau mir derzeit Sorgen bereitet und finde die Antwort:

Ich erkenne wie wichtig und gleichzeitig zerbrechlich unsere Demokratie ist.

Dinge wie Herkunft, Religion spielen plötzlich keine Rolle mehr, es betrifft uns alle! Zusammenhalt ist überall spürbar, das berührt mich sehr!

WIR ALLE müssen nicht nur aufeinander, sondern ganz besonders auch auf unsere Demokratie achtgeben.

© Ümit Mares