Vatertag

Mein Vater ist 1943 in einem kleinen Dorf in Zentralanatolien auf die Welt gekommen.

Sein genaues Geburtsdatum kannte er nicht! Meine Oma sagte immer, dass die Schafe Junge bekamen als mein Vater auf die Welt kam, also nehmen wir an, dass sein Geburtstag im Frühjahr gewesen sein muss.

Er durfte nur die Volksschule besuchen, da sein Vater der Ansicht war, dass diese fünf jährige Bildung absolut ausreichen für ein Leben als Bauer.

So gerne wäre mein Vater weiter in die Schule gegangen und wäre Anwalt geworden, um für die Rechte von Armen zu kämpfen.

Mit 11 Jahren nahm er seinen ganzen Mut zusammen und fasste einen riskanten Entschluss.

Einmal pro Woche kam ein LKW ins Dorf, er versteckte sich im Korn auf der Ladefläche und fuhr auf diese Weise in die vier Stunden entfernte, nächstgelegene Stadt Kayseri. Sie hatten vor einigen Jahren einmal seine Tante dort besucht und mein Papa konnte sich noch ungefähr erinnern, wo sie wohnte.

Er fand und bat sie ihn aufzunehmen, denn er wollte unbedingt einen Beruf erlernen. Die Tante und ihr Mann willigten ein und fanden eine Lehrstelle als Schneider für ihn. Der Preis für seine Tat war sehr hoch, mein Großvater hatte ihn verstoßen und verbot meiner Oma und seinen acht Kindern jeglichen Kontakt zu meinem Vater.

Er arbeitete jeden Tag von 07 bis 20, manchmal auch bis 22 Uhr, schlief in einem Ziegenstall, bekam hin und wieder einen Tag frei und ein wenig Taschengeld, mit dem er sich zumindest alle zwei Wochen im Hamam waschen gehen konnte. Es waren sehr harte Jahre, aber er zog es durch und schloss seine Lehre als Schneider ab.

Im Jahre 1965 hörte er einen Aufruf, dass Gastarbeiter in Europa gesucht werden, da sah er seine Chance auf ein besseres Leben. "Nur für ein paar Jahre, bis ich genug Geld für ein eigenes Haus gespart habe!" war seine Affirmation, die ihm den nötigen Mut gab, diesen großen Schritt ins Ungewisse zu wagen.

1966 kam mein Vater als einer der ersten Gastarbeiter in Götzis an, es war eine abenteuerliche Reise. Er arbeitete in einer Textilfabrik, zwei Jahre später zog er nach Wien.

1972 wagte er den nächsten großen Schritt und eröffnete seine Schneiderei im 13. Bezirk. Diese führte er gemeinsam mit meiner Mutter bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2006. Bis dahin hatte er insgesamt 52 Jahre gearbeitet!

"Aus den paar Jahren ist mittlerweile ein halbes Jahrhundert geworden, mit dem Heimkehren wird es wohl nichts mehr! Aber zumindest meine Gebeine sollen in meinem Dorf beerdigt werden!" sagt er.

Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich Tränen in den Augen, weil ich so unendlich stolz auf ihn bin, weil mein Vater mich in vielen wichtigen Dingen geprägt hat. Weil er der ehrlichste, gerechteste, hilfsbereiteste Mensch ist, den ich kenne! Ich bin so dankbar für all die Opfer, die er gebracht hat, um uns, seinen beiden Kindern und Enkelkindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Ich danke Dir BABA und wünsche Dir alles Gute zum Vatertag!

© Ümit Mares