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Wo die Liebe hinfällt

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Wo die Liebe hinfällt | story.one

"Warum hat denn der Typ eine Zündholzschachtel auf Euren Balkon geworfen?" fragte ich verwundert meine Cousine Ayse. Sie schnappte sich die Schachtel und sagte:"Komm mit, ich zeige Dir warum!

Wir sperrten uns im Badezimmer ein und sie öffnete die Schachtel. Darin befand sich ein Liebesbrief vom Nachbarjungen. Ganz aufgeregt las Ayse seinen Brief vor und grinste dabei bis über beide Ohren.

Wie jedes Jahr waren wir auch im Sommer 1988 wieder in Kayseri, der Heimatstadt meiner Eltern. Schon als 14 Jährige mussten wir uns stets ehrenhaft verhalten. Das heißt, es war uns nicht gestattet in der Öffentlichkeit mit fremden Männern zu sprechen, geschweige denn zu flirten.

Wohnung putzen, kochen und Wäsche waschen standen auf unserem täglichen Programm. Auf unsere Frage, warum wir denn jeden verdammten Tag die Wohnung putzen müssten, kam auch immer die gleiche Antwort von unseren Müttern:" Stellt Euch vor, wir bekommen unerwartet Besuch und es ist nicht ordentlich aufgeräumt, dann will Euch ja niemand heiraten!" 1988 hatten nur wenige meiner Verwandten ein Telefon zu Hause, daher waren zu unserem Leidwesen unangekündigte Besuche tatsächlich gang und gäbe.

Um aber trotzdem Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sammeln zu können, mussten eben kreative Methoden eingesetzt werden. Nach getaner Hausarbeit, lagen also meine Cousine und ich auf dem Diwan im Gästezimmer und sie schrieb Dinge wie:" Oh liebster Mustafa, seit Du mir Deine Liebe gestanden hast, ist nichts mehr wie es war! Du bist die Luft, die ich atme und das Wasser, das ist trinke, darum kann ich nicht mehr ohne Dich leben!"

Ich musste schmunzeln und fand ihre Zeilen ziemlich übertrieben, aber so war das mit der heimlichen Liebe in Zentralanatolien, da durfte es an Dramatik und Herzschmerz nicht fehlen!

"Und wie willst Du Mustafa Deinen Brief geben?" fragte ich Ayse. Die Antwort war schnell gefunden. Ich musste im Kühlschrank nachsehen und genau darauf einen Gusto bekommen, was gerade nicht vorzufinden war. Mit meinem berühmten Dackelblick ging ich zu meiner Tante und sagte ihr, dass ich so gerne einen Pfirsich essen würde, wohlwissend, dass es keine mehr gab.

Schnell ließen wir uns überreden beim Greissler Pfirsiche zu besorgen. Mit der Zündholzschachtel in der Hosentasche zogen wir los! Als wir schon einige Minuten unterwegs waren, merkten wir, dass Mustafa und sein Freund uns nachgingen. Ayse drehte sich um, lächelte Mustafa zu und ließ die Zündholzschachtel unauffällig auf den Gehsteig fallen.

Am nächsten Tag saßen wir wieder auf dem Balkon, als plötzlich zwei Zündholzschachteln bei uns landeten. Schnell verschwanden wir ins Bad. Die zweite Schachtel war für mich, es war von Mustafas Freund Ahmet. Oh Gott, wie war ich aufgeregt und las den Brief immer und immer wieder. Jetzt verstand ich meine Cousine, meine Schmetterlinge im Bauch waren mindestens genauso flattrig wir ihre und ich wusste sofort, ohne Ahmet würde ich an Liebeskummer sterben.

© Ümit Mares 10.04.2020

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