Sauerkrautfüße

Christine P., geboren 28.1.1930, hatte als 88-jährige Bäuerin ein langes Leben und hält noch viele Erinnerungen von früher fest. Ihre Kindheit verbrachte sie am Ursprunghof in Elsbethen. Später heiratete sie Jakob H., mit dem sie einen Bauernhof am Gaisberg übernahm.

Als Kind verlor sie ihren Vater, der sich nie ganz vom Ersten Weltkrieg erholt hat und dem durch Erfrierungen, die Zehen amputiert werden mussten. Nach dem Tod ihres Vaters waren nur noch ihre Mutter, ihre drei Schwestern und ihr Bruder, der noch ein kleines Baby war, zuhause. Bei Bombenalarm im Zweiten Weltkrieg verstecken sie sich immer in der nahen gelegenen Mühle, da sie dachten, dass sie diese sie vor Einschlägen schützen würde, noch heute schmunzelt sie darüber, wie naiv sie als Kinder gewesen waren. Als sie und ihre Schwestern schon etwas älter waren, begannen die Jungs aus der Umgebung, sich für sie zu interessieren. So kam es, dass manchmal bis zu 10 Buben bei ihnen zuhause waren. Oft tanzten sie in der kleinen Stube, während meine Oma auf ihrer Ziehharmonika spielte. Bei so viel Besuch musste es jedoch passieren, dass jemand auf ihre Ziehharmonika fiel und diese dann kaputt ging. Auch ihr zukünftiger Ehemann befand sich meist unter den Anwesenden. Später verriet er meiner Oma, dass er sich nie allein zu ihr getraut hätte. Sonst waren sie kaum auf Festen, da sie bis zum nächsten Wirt zwei Stunden gehen mussten. In der Nähe ihres Bauernhofes gibt es einen Felsen, der „Dreiviertel-Stein“ genannt wird. Dort sagten sie immer: „Wenn dort de Kirchnglockn dreiviertl läutn, is ma rechtzeitig do zum Kirchnbeginn.“

Sie erzählt gern, dass sie die ersten in der Umgebung waren, die Strom bekommen haben. Jedoch zuerst im Stall, denn die Tiere waren wichtiger. Auch ein Badezimmer hatten sie zuerst nicht. Sie mussten immer in den Stall gehen und sich dort mit einem Eimer waschen. Besonders stolz war sie, dass nur sie Sauerkraut treten durfte, denn sie hatte im Vergleich zu ihren Geschwistern die saubersten Füße.

Vermutlich gäbe es noch tausend Dinge mehr, über die meine Oma erzählen könnte. Ich liebe es ihr zuzuhören und hoffe, dass ich eines Tages auch so viel zu erzählen habe.

© Ulli_Zw