Weihnachtliche Melancholie

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Weihnachtliche Melancholie | story.one

Mit dem Kater da sitzend vor dem Lehmofen, ins Feuer schauend, der Kater schnurrend, sanfte beruhigende Meditationsmusik.

Heiße Pfoten des Katers, meine heißen Knie, mein heißes Gesicht dem Feuer ganz nah.

Der Rücken noch kalt. Draußen minus 10 Grad. Christtag: 25. Dezember 1999, mittags.

Die Kirchenglocken haben soeben geläutet. Ich gehe schon lange in keine Kirche mehr trotz acht Jahren Religionsunterricht in Klosterschulen und Matura in Religion. Der Glaube ist mir irgendwann abhanden gekommen in den Widersprüchlichkeien des Lebens.

Meine Mutter war vor knapp einem Jahr gestorben. Friedlich zu Hause im Alter von 86 Jahren. Erste Weihnachten ohne sie. Ein seltsam trauriges schmerzliches Gefühl breitete sich in mir aus. Die Kinder waren erwachsene Menschen geworden und lebten ihr eigenes Leben.

Mein Mann und ich verbrachten Weihnachten allein in dem alten Bauernhaus, das ich von meiner Großtante geerbt hatte, in dem ich nur als Kind hatte leben wollen.

Als Erwachsene hatte ich andere Träume und Wünsche. Was ist aus ihnen geworden?

Mit dem Feuer verbrennen sie alle Stück für Stück mehr und sentimentale Gefühle machen sich in mir breit. Eine leichte Schwere bemächtigt sich meiner und gleichzeitig spüre ich lähmende Traurigkeit in mir. Ich fühle mein angebrochenes Leben dahinschmelzen wie Schnee in der Sonne. Der Rücken ist noch kalt. Draußen minus 10 Grad. Kalter Wind. Erste Scneeflocken , ein Wirbeln vom grauen nebeligen Himmel. Beginnendes weihnachtliches Schneien. Das Läuten des Geschirrs, das im Freien an unserem Nussbaum hängt.

Ich darf traurig sein. Ich denke an diesen Satz meiner Therapeutin und versuche, ihn zu verinnerlichen, die Trauer anzunehmen, sie als Teil meines Seins zu sehen.

Ich schreibe vor dem Feuer, dem Feuer, der reinigenden, erneuernden, aber auch zerstörerischen Kraft. Der Kater sitzt neben mir und schaut in die Flammen, die mich wärmen, das Feuer und der Kater. Ich bin nicht allein. Ein atmendes lebendiges Wesen ist neben mir. Dafür bin ich dankbar.

Die Vergangenheit verbrennend. Alte Zeitungen, Bücher, Briefe, Karten, Fotos , Bilder, Reklame, Prospekte, Wäsche aus Naturfaser,... manchmal auch Kunstfaser. Dann steigt stinkender Rauch aus dem Rauchfang des Hauses und weht zum Nachbarn hinüber, dessen mögliche Beschwerde ich fürchte.

Alte Sachen dem Feuer zu übergeben ist ein Akt der Befreiung, der Loslösung, der Transformation.

Wer braucht das alles noch, dieses mit alten Dingen angefüllte Haus, das mir die Luft zum Atmen nimmt.

Ich habe ein unendliches Bedürfnis, alles wegzuschmeißen, was mein ästhetisches Glücksempfinden stört, eine angenehme Leere zu schaffen und das Haus nach meinem Geschmack einzurichten.

Ich fühle mich so fremd hier, nicht beheimatet in diesem Haus, in dieser Welt. Alles fühlt sich so kalt und bedrohlich an.

Tröstliche Geborgenheit nur beim Anblick der leuchtenden Flammen, die Hoffnung auf Neues machen.

Allmählich wird es draußen dunkel.

© Ulrike Puckmayr-Pfeifer 16.09.2020