Die entbehrungsreiche Einwanderung

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Die entbehrungsreiche Einwanderung | story.one

Im Süden Brasiliens findet man drei deutschsprachige Siedlungsgebiete. 1823 kamen bereits die ersten deutschen Siedler nach Brasilien, doch erst in der Zeit großer Armut um 1930 begann die österreichische Migration. Man kann sich heute gar nicht vorstellen mit welchen entsetzlichen Umständen sie alle zu kämpfen hatten. Sie hatten durch falsche Informationen irrationale Vorstellungen vom künftigen Reichtum – tatsächlich bekamen sie aber ein Stück ungerodetes Land (zu einem billigen Preis). Mit Buschmessern mussten sie sich oft zuerst den Weg durch den Urwald freischlagen bevor sie an ihr Ziel kamen. Dort erwartete sie aber NICHTS – kein Dach über dem Kopf bei den starken Regenfällen, keine Nahrung, keine Hilfe bei den ihnen unbekannten Krankheiten. Sie hatten keine Ahnung von den Schlangen und sonstigen Gefahren. Viele waren vollkommen desillusioniert, aber zu geringe Bargeldreserven für die Rückreise zwangen sie zu bleiben. Die, die durchhielten hatten etwas zu bieten, das den Ortsansässigen weitgehend unbekannt war: Fleiß und Zähigkeit. Durch harte Arbeit und Disziplin gründeten sie schließlich Siedlungen, die bald zu den blühendsten Brasiliens wurden. Die bekanntesten sind Blumenau und Joinville. Wir wollten uns das genau ansehen und fuhren in den Bundesstaat Santa Catarina.

Blumenau ist die Hochburg des Deutschtums in Brasilien. Schon weit voraus geht ihr der Ruf der Sauberkeit und Tüchtigkeit. Alle 300 m stehen an der langen Zufahrtsstraße Schilder mit moralischen Sprüchen, die für Achtsamkeit, Nüchternheit und alle erdenklichen Tugenden der Fahrzeuglenker werben. Wehe dem, der alle diese Sprüche liest – er landet bestimmt überfordert am nächsten Schildermast. Blumenau strahlt tatsächlich die Atmosphäre einer sehr ordentlichen deutschen Kleinstadt aus. Alles ist hier wohlorganisiert und sehr sauber. Es gibt viel mehr und schönere Geschäfte, als wir in brasilianischen Städten fanden, deren Bevölkerung ein Vielfaches der Blumenauer ausmacht. Der Wohlstand der Bewohner spiegelt sich in den hübschen Villen. Daher: wer die deutsche Art schätzt, kann sich hier sehr wohlfühlen.

Aber wir sahen auch anderes: Im bergigen Hinterland (in dem es auch manchmal schneien kann) gibt es einige Dörfer, die lange Zeit schlecht erreichbar waren und daher sehr isoliert lebten. Tiroler gründeten einst die Dörfer „Treze Tilias“ auch „Dreizehnlinden“ genannt oder „Tirol“. In Caembora, hatten wir die Gelegenheit eine Familie zu besuchen, die als Nachkommen ehemaliger deutscher Einwanderer, eine kleine Landwirtschaft betrieben. Durch ihre Abgeschiedenheit bewahrten sie die Lebensart und Sprache der Zeit der Einwanderung. So sagten sie zum Beispiel zu „Flugzeug“ „Luftschiff“. Verballhornte portugiesische Worte vermischten sich mit ihrem sonderbaren Alt-Deutsch. Wir wurden sehr liebenswürdig aufgenommen, aber kamen aus dem Staunen über diese Zeitreise in die Vergangenheit kaum heraus.

© Ulrike Dr. Sammer 01.08.2020