Gib Niemals Auf

Ich bin auf einer kleinen Malediven-Insel aufgewachsen. Und ich wusste immer: Sobald ich fertig bin, sage ich meinen Eltern: Sorgt euch nicht, ab jetzt an kümmere ich mich selbst um meine Kosten. Ich finanziere mein Studium selbst und alles sonst, was ich zum Leben brauche. Ich wollte, dass sie stolz sind auf mich. Und sobald ich mein Studium fertig hatte, wollte ich einen guten Job finden und meine Familie finanziell unterstützen.

Ich hatte den Kopf voller Träume. Bald würde ich rauskommen aus der kleinen Welt meiner Malediven-Insel, das enge Dorf hinter mir lassen und die Welt bereisen. Und dann kam alles ganz anders.

Ich bewarb mich überall für Prakika, Nebenjobs, Gelegenheitsarbeiten, aber die Absagen stapelten sich. Manche wollten nicht, dass ich nebenher studiere, für andere war ich zu jung, und wieder andere meinten, meine Gesundheit sei nicht stabil genug. Woche um Woche, Monat um Monat verging, und irgendwann war die Kohle aus.

In meinem Dorf haben sich alle hinter meinem Rücken und, was noch viel schlimmer ist, hinter dem Rücken meiner Eltern das Maul zerrissen. Die Nachbarn, die Dorfältesten, selbst meine Schulfreunde fingen an zu lästern und Witze zu reißen. „Aus dem wird nie was!“ „Der kann gar nix!“ „Andere in seinem Alter stehen auf eigenen Füßen.“ „Der wird seinen Eltern auf immer und ewig auf der Tasche liegen.“

Irgendwie hatten sie ja recht. Alle meine Jugendfreunde hatten coole Jobs ergattert und konnten ihre Familien unterstützen. Nur ich verdiente so wenig, dass ich mir nicht mal das Studium und meine kleine Bleibe leisten konnte. Meine Eltern mussten zuschießen, obwohl sie selber nix hatten.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich am Telefon mit meinen Eltern geweint habe. Denn ich hatte die Hoffnung und jedes Selbstvertrauen verloren.

Die aber meinten nur: Egal, ob du einen Job hast oder nicht, wir sind stolz auf dich. Du bist unser geliebter Sohn, alles wird sich richten! Und mein Vater sagte immer zur Verabschiedung: Sohn, gib die Hoffnung nicht auf!

Mitten in meinem Elend erhielt ich dann irgendwann einen Anruf vom Tourismus-Ministerium. Auch dort hatte ich mich beworben, aber monatelang nichts mehr von ihnen gehört. Sie meinten, Sie hätten genau nach jemandem wie mir gesucht.

Dieser Tag veränderte mein Leben, und heute weiß ich, mein Vater hatte recht: Gib niemals auf, alles wird gut.

Heute bin ich als angehender Tourismus-Manager für die Malediven in der ganzen Welt unterwegs. Und ich habe sogar den Tauchschein machen dürfen, damit ich die Schönheit der Malediven auch unter Wasser kennenlernen konnte. In meinem Dorf bin ich nicht mehr der Looser, sondern ich gelte als Paradebeispiel für Erfolg. Ich hab’s geschafft. Und meine Eltern sind mächtig stolz auf mich.

Bei all dem Glück, das größte Geschenk für mich ist und bleibt aber die Liebe meiner Eltern. Ohne sie hätte ich es niemals geschafft.

© Unais Ahmed