LASS MEINE FRAU IN RUHE!

1993 kam ein neuer Kollege in den Radiosender. Nennen wir ihn Frank, weil ich seinen wirklichen Namen nicht preisgeben möchte. Frank also zog aus Nordbayern nach München, im Gepäck seine Designermöbel und seine Ehefrau. Die beiden machten einen glücklichen Eindruck, er ein super Kollege, sie eine angenehme Person.

Aber nur so lange, bis ich eines Nachts in einer Diskothek stand und sie mit einem anderen Mann rumknutschen sehe. Das geht mich nix an, da halt ich mich raus, denk ich mir. Deshalb hab ich mich schnell verzogen. Und ich war mir sicher, dass sie mich nicht gesehen hatte, so sehr waren die beiden ineinander verkeilt.

Ab diesem Moment war die Zusammenarbeit mit Frank total im Eimer. Er hat nur noch das Nötigste gesprochen, kein guten Morgen mehr, nichts, Eiszeit. Ich dachte, naja, vermutlich hat er Stress daheim, wäre ja kein Wunder... also lass ich ihn lieber in Ruhe.

Doch eines Vormittags kommt völlig aus dem Nichts die totale Breitseite! "LASS MEINE FRAU IN RUHE!" Frank knallt mir seine Wut direkt ins Gesicht. Ich versichere mehrfach, dass ich mit seiner Frau kein einziges Wort geredet hätte, ohne dass er dabei war, und dass ich kein Ahnung hätt', wie er überhaupt auf diese Idee kommt. Aber Frank geht einfach weg. Kurze Zeit später kommt er zurück und meint: "Lass uns einen trinken gehen, dann reden wir." Das haben wir dann auch gemacht.

Am Anfang war's belangloser Small-Talk, aber dann entdecken wir die gemeinsame Liebe zum Fussball und zu Loriot, und irgendwann erzählt er von seinen Problemen in der Ehe, den Schwierigkeiten in der neuen Stadt. Wir fassen etwas Vertrauen, aber er hat immer noch Zweifel. Wer spricht die Wahrheit - seine Frau oder ich?

Wie sich herausstellt, hatte sie mich doch gesehen und daraufhin wohl Angst, ich könnte Frank von ihrem Techtelmechtel erzählen. Also Flucht nach vorn. Sie hat ihm erzählt, ich hätte sie auf derbste Weise angebaggert, permanent begrapscht und einfach nicht in Ruhe gelassen. Was für mich gesprochen hat, und Frank am Ende überzeugt hat: ich konnte den Nebenbuhler recht genau beschreiben. Der Andere war ein guter Bekannter von beiden aus der alten Heimat. Und der hatte immer wieder versucht, in seine Ehe hineinzugrätschen.

To make a long story short – am Ende wurde es ein lustiger Abend!

"Mit Ihnen trink ich am liebsten!", mit diesem Zitat aus Loriots „Benimmschule“ gingen wir auseinander. Ich hab zwar etwas gebraucht, um mich zu erholen, aber der leichte Hangover war's wert. Frank und ich haben an diesem Abend Freundschaft geschlossen. Ich hab ihn begleitet durch seine Scheidung, wir haben unsere Ups gefeiert und uns bei den Downs beigestanden, eine Zeit lang waren wir sogar eine Männer-WG.

Inzwischen leben wir in unterschiedlichen Städten und sehen uns nur ab und zu. Aber sobald Fussball läuft, chatten wir miteinander. Und da gehts dann nicht nur um Fussball, sondern wir quatschen über Gott und die Welt. Immer weiter, immer weiter...

Auf die Freundschaft, mein Freund!

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