Mein Onkel und der Traum vom Fliegen

Ich habe einen Onkel, der seit Kindesbeinen einen Traum hatte – er wollte fliegen lernen, Pilot werden. Nicht die großen Jets, nein, er wollte mit einer kleinen Propeller-Maschine durch die Gegend fliegen und sich die Welt von oben anschauen.

Leider war ihm dieser Traum ewig lange verwehrt. Als jüngster Sohn eines Bauernhofs war er von Kindesbeinen an voll in die Landwirtschaft eingebunden. In seinen jungen Jahren bestand also nicht der Hauch einer Chance, dass er auch nur in die Nähe eines Pilotenscheins kommen würde.

Irgendwann lernt er dann seine Frau kennen, die beiden heiraten, er übernimmt den Hof, drei Kinder. Wirtschaftlich geht’s der Familie ganz gut, und mein Onkel denkt, jetzt wär’s soweit, jetzt mach ich endlich meinen Pilotenschein.

Aber meine Tante macht ihm einen dicken Strich durch die Rechnung. NEIN! NEIN! Und noch mal NEIN! ... Sie hatte einfach zu viel Angst, dass ihm was passiert und sie dann allein mit den Kindern und dem Hof da steht. Und weil sie ganz sicher gehen wollte, hat sie meinem Onkel das Versprechen abgerungen, dass er ohne ihre Einwilligung niemals fliegen lernen wird. Er hat's ihr versprochen, weil er sie geliebt hat. Aber schwer gefallen ist es im trotzdem.

Die Jahre vergingen ohne größere Schwierigkeiten, mein Onkel hatte sich mit sich und seinem Leben arrangiert. Doch plötzlich erlitt meine Tante einen schweren Schlaganfall, lag von da an im Wachkoma, und nichts war mehr so wie vorher. Mein Onkel hat sich aufopfernd um sie gekümmert und erzählte ihr stundenlang, was so alles auf dem Hof und im Dorf passiert, obwohl die Ärzte meinten, ihr Gehirn sei so geschädigt, dass sie davon sicher nichts mitbekommen würde.

Meinem Onkel war das völlig egal – er war jeden Tag in der Klinik und hielt ihre Hand in der seinen. Es bestand überhaupt keine Hoffnung, aber niemand, kein Arzt der Welt, hätte ihn dazu bewegen können, „die Maschinen abzuschalten“. Mein Onkel kann echt stur sein, aber den hat eigentlich jeder in meiner Familie...

Eines Tages hat das Herz meiner Tante aufgehört zu schlagen. Einfach so. Es war eine Tragödie, sehr, sehr schmerzhaft für die ganze Familie. Aber klar – ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll, es war auch eine Erlösung. Für meine Tante, für die Kinder, vor allem aber auch für meinen Onkel.

Nach langer Trauer hat er inzwischen wieder ins Leben zurückgefunden. Und er hat sich erinnert an den Traum seiner Jugend – seinen Traum vom Fliegen. Weil er nicht mehr an das Versprechen, das er vor 40 Jahren gegeben hatte, gebunden war, hat er jetzt, mit weit über 60, seinen Pilotenschein gemacht. Und so fliegt er jetzt bei schönem Wetter kreuz und quer durch die Gegend und genießt die Aussicht auf Flüsse, Berge, Wiesen und Wälder.

Wenn er mit einem leisen Lächeln über seinen Landkarten sitzt und seine Hände erzählen, wie er mit seiner kleinen Propeller-Maschine die Donau entlang fliegt, dann glänzen seine Augen. Mich erfüllt das mit Freude.

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