Wozu das ganze Lametta

Meine Mama ist hat einen Hang zur Perfektion – aber nur, wenn es ums Essen oder ums Dekorieren geht. An Ostern hängt das ganze Haus voller Ostereier – an Lampen, an Blumen, an Schränken. Und für Weihnachten gilt natürlich das gleiche, Strohsterne überall...

Bis ich so 12 oder 13 Jahre alt war hatte der Heilige Abend einen festen Ablauf. Ich bin mit meinem Vater am Vormittag in den Wald und wir haben einen Christbaum geholt. Damals war das normal, da hat sich niemand was dabei gedacht. Und viele haben sich einen Spass daraus gemacht, den Baum im Wald von genau dem Bauern zu holen, der einen geärgert hatte übers Jahr.

Zu Hause wurden wir dann schon von meiner Mutter erwartet. Und jedes Jahr meinte sie, dass sie nächstes Weihnachten "ganz sicher nicht wieder bis Hl. Abend warten" würde... Geändert hat sich aber nichts, bis es dann irgendwann Christbäume bei Obi zu kaufen gab.

Das Schlimmste an Hl. Abend war für mich aber, dass ich jedes Jahr mithelfen musste, den Baum zu schmücken. Uns so standen wir alle, meine Eltern, meine Schwester und ich, stundenlang um diesen Baum herum und legten Lametta auf die Zweige. Und zwar genau so, wie meine Mutter es wollte.

Regel Nummer 1: Zwischen jede, ja wirklich JEDE Nadelreihe musste ein Lametta-Faden eingefädelt werden. Was für eine sinnlose Angelegenheit! Am Ende war so viel Lametta auf den Baum, dass nichts Grünes mehr zu sehen war. Was aber auch was Gutes hatte, denn so war völlig unwichtig, ob der Baum gerade war oder nicht.

Regel Nummer 2: Es gab zwei Sorten Lametta – neu gekauft und gebraucht vom letzten Jahr. Das neue, feine musste nach vorn und außen an den Baum, das zerknitterte, gebrauchte nach hinten und eher innen. „Damit das schöne Lametta gut zu sehen ist“, so meine Mama.

Ich dachte natürlich Jahr für Jahr darüber nach, wie ich mich dieser lästigen Pflicht-Schmückerei entziehen könnte. Und hatte, als ich etwa 8 Jahr alt war, eine vermeintlich geniale Idee: Was, wenn ich die Silberfäden einfach weniger sorgfältig auf die Äste verteile...? Dann muss meine Mutter doch einsehen, dass ich total ungeeignet bin für diese Aufgabe... Nun, Teil eins des Plans hat tatsächlich perfekt funktioniert: "Meine" Äste waren die mit Abstand schlimmsten - Kraut und Rüben, wirklich unansehnlich. Es hat auch nicht lange gedauert, da kam schon die erste Rüge, ich solle mir mehr Mühe geben. ... Yes, dachte ich, bald entlässt sie mich...

Wie konnte ich mich so dermaßen verkalkulieren?? Meine Mutter hat den Braten natürlich sofort gerochen, aber anstatt mich gnädig zu entlassen folgte eine über Jahre andauernde Demütigung: Ich bekam jedes mal das ganze „schlechte“ Lametta und "durfte" ALLE Äste schmücken, die hinten an der Wand waren.

Gott sei Dank hat meine Mutter dann irgendwann ihr Faible für einen „altdeutschen“ Christbaum entdeckt. Mein Albtraum war vorbei. Ein paar Kugeln hier, ein paar Strohsterne da und ein bisschen Holzschmuck, das war's.

Ich habe seitdem NIE wieder Lametta in der Hand gehabt.

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