Atem-Transformation

Wunder folgte auf Wunder. Und das kam so:

Das Gefühl für meinen Körper hatte sich verflüchtigt. Meine gesamte Aufmerksamkeit war in dieser Meditation auf ein inneres Bild gerichtet. Ich sah meinen Vorgesetzten in einer abweisenden und abwertenden Haltung mir gegenüber - und fühlte mich gekränkt. Vielleicht war ich nicht gemeint. Vielleicht war es anders gemeint. Vielleicht war alles ganz anders. Doch der Stachel hatte mich erwischt. Er steckte. Ihn heraus zu ziehen war mir bisher nicht gelungen.

Die Leiterin forderte die Gruppe aus, das Unangenehme mit der Vorstellung von "schwer, heiß und dunkel" einzuatmen, und dann durch das Herz "hell, leicht und kühl" auszuatmen. Ich fühlte mich sicher und fasste Mut, der Aufforderung zu folgen.

Ich konzentrierte sich auf den unangenehmsten Moment der Begegnung, atmete den Schmerz, das Schwere und Dunkle des Bildes ein, schickte beim Ausatmen Leichtigkeit, Helligkeit und Kühle aus dem Herzen hinein. Wieder und wieder.

Das Bild veränderte sich schnell. Bedeutete die Geste meines Vorgesetzten tatsächlich Abweisung? Sie erschien mir jetzt neutral und Teil seines üblichen Verhaltens zu sein. Plötzlich war der Schmerz des Stachels verschwunden. Statt Schwäche fühlte ich Kraft. Ruhe und Frieden breiteten sich aus.

Die Leiterin erzählte etwas von "Feinden zu Freunden machen“.

Ich war begeistert, geradezu euphorisch, hatte Lust, ausgelassen zu tanzen, fasziniert von der Zauberei. War es so einfach? Annehmen - und wusch! Das Unangenehme transformiert.

Ich kramte weitere unangenehme Situationen aus meiner Erinnerung hervor. Mit allen spielte ich Transformation und schwamm in dem befreienden Gefühl der Heilung.

So eine Erfahrung im geschützten Raum ist gut und schön. Nützt sie mir im Alltag?

Nach dem Kurs besuchte ich meine Eltern. Die Beziehung zu ihnen, besonders zu meinem Vater, war zeitlebens reichlich angespannt. Würde dieser Aufenthalt alles Wohltuende der letzten Tage zunichte machen?

Tatsächlich drohte sich die graue Wolke wieder um mich zu legen. Ich beschloss, die gelernte Übung im Stillen fortzusetzen. Zu meinem größten Erstaunen blieb mein Befinden konstant gut und angenehm. Die Spannungen der Umgebung erreichten mich nicht. Ein Wunder! Dabei blieb es nicht.

Eine weitere Überraschung geschah: Das Verhalten meines Vaters ebenso wie die gesamte Atmosphäre wandelten sich. Spürbar kehrten mehr Zugewandtheit und Freundlichkeit ein.

Und selbst dieses Wunder wurde getoppt: Die bedrückende Atmosphäre, der ich mich immer ausgeliefert gefühlt hatte, erreichte mich NIE wieder. Es dauerte Jahre bis sie diese Verwandlung glauben konnte.

© Ursula Luisa Rieger