Wie ich auf "Ich töte dich" reagiere

Bin „on the road" in West-Australien in der Nähe eines buddhistischen Klosters. Sehnsüchtig stelle ich mir einen friedlicher Ort vor, an dem ich mal wieder intensiv nach innen schauen kann. Ich habe Glück. Eines der zehn kleinen Zimmer ist frei.

Erwartungsvoll schaue ich in die Meditationshalle. Statt Leichtigkeit empfinde ich einen bedrückenden Nebel. Düsterkeit. Enttäuscht streiche ich meine Meditationszeiten in diesem Raum. Ein erstes Vorzeichen, dass alles ganz anders kommt?

Gerade kuschele ich mich am zweiten Abend in mein Bett, als sich plötzlich die nicht abschließbare Tür öffnet. Ohne zu fragen, tritt ein junger Mann ein, Deutscher und ebenfalls Gast. Ich sah ihn gestern in der Küche. Er steht vor mir uns sagt: „Heute Nacht wirst du sterben. Ich töte dich.“

Eine Gelegenheit, um übers Sterben zu sprechen, denke ich als erstes. Klingt skurril angesichts der gerade erfolgten Todesdrohungen. Doch der Gedanke katapultiert mich in eine andere Frequenz.

In mir regt sich keine Angst. Vielleicht spüre ich, dass er nicht ernsthaft gefährlich ist. Vielleicht vertraue ich meiner Überzeugung, dass ich nicht sterben kann, wenn ich nicht sterben will.

„Sterben ist ja nicht schlimm …“, sage ich, schaue ihn an und bemerke, wie die erste aggressive Welle abebbt. Ersetzt sich und beginnt von merkwürdigen Dingen zu erzählen, die ihn bedrohen. Ich setze auf Mitgefühl. Parallel rattert mein Kopf wie ein Spielautomat auf der Suche nach Möglichkeiten, der Situation zu entfliehen. Er strahlt immer noch etwas Unberechenbares aus. Während ich meine Schwingung weiter erhöhe, flehe ich um Hilfe aus der geistigen Welt.

Es dauert eine zeitlose Ewigkeit, doch sie kommt. Wieder öffnet sich die Tür. Zwei weitere junge Leute treten ein und setzen sich. Sie sind auf meiner Seite. Ich bin nicht mehr allein den kryptischen Reden des jungen Mannes ausgeliefert. Dank ans Universum fließt aus meinem Herzen.

Kurz darauf betritt ein Mönch und eine weitere Person den Raum. Das kleine Zimmer ist voll. Ich liege im Bett und bin aus dem Spiel. Alle bemühen sich, mal vorsichtig, mal bestimmt, um meinen ersten Gast. Es geht um etwas, von dem ich nichts weiß. Endlich gelingt es ihnen, die verkörperte Gefahr mitzunehmen. Alle verlassen mein Zimmer. Es war wie ein Spuk.

Sie bringen ihn in psychiatrische Betreuung, wie ich später erfahre. Der junge Mann war geistig verwirrt und hatte an diesem Abend bereits eine andere Person mit einem Messer verletzt. Offenbar war er nicht nur harmlos.

Am nächsten Tag reise ich ab. Kein wahrhaft friedlicher Ort. War das Ereignis die Konsequenz einer Lehre, die bestimmte Gefühle und Energien abwertet, unterdrückt und sie irgendwann wieder umso drastischer an die Oberfläche schwappen läßt? Gilt das auch für mich?

Immerhin bilde ich mir ein, mein entspanntes Verhältnis zu Sterben und Tod hat eine Bewährungsprobe bestanden. Hat die Anhebung der Schwingung mich aus der aggressiven Wirklichkeit befreit?

© Ursula Luisa Rieger