Erinnerungen: Gucklöcher in die Seele

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Erinnerungen: Gucklöcher in die Seele | story.one

Erinnere ich mich, fühle ich mich, als ob ich durch ein Guckloch in meine Seele schaue. Ich sehe einen Ausschnitt eines größeren Geschehens. Warum erinnere ich genau dieses Bild? Andere Perspektiven wären möglich. Unendlich viele Wahrnehmungen purzeln in das Vergessen.

Ich besitze kleine, größere und riesengroße Gucklöcher. Die meisten zeigen mir einen Schnappschuss. Manche zeigen mir Szenen.

Ich wähle diesen Ausschnitt. Wer trifft die Wahl? Mein Ego? Meine aktuelle Persönlichkeit? Mein gesamtes Wesen samt anderer Inkarnationen, die unterschwellig mitlaufen? Warum blicke ich genau auf diesen Ausschnitt?

Durch unendlich viele individuelle Filter nehme ich wahr, was nur ich auf einzigartige Weise wahrnehme - und deute. Ein komplexes Gebilde aus Gedanken, Überzeugungen, bisherigen Erfahrungen, Werthaltungen prägen diesen winzigen Ausschnitt und zeigen ihn mir überdeutlich. Die Gucklöcher sind wie Verschärfungslinsen.

Ich speichere nur, was ich intensiv erlebte und was für mich von Bedeutung ist.

Mein größeres Wesen entscheidet, welche Farben und welche Einzelheiten mir auffallen und sich einprägen, ob ich bunt oder grau, Dunkles oder Leuchtendes und Strahlendes wahrnehme.

Manche Gucklöcher sind weit geöffnet und bieten einen klaren Blick in die Nähe und die Ferne. Manchmal sind die Scheiben so klar, dass ich sogar bei geschlossenem Fenster komplexe Szenen deutlich wahrnehme. Manchmal ist das Guckloch beschlagen, matt und gar schmutzig. Was ich sehe, ist verschwommen und vage.

Ich kann die Gucklöcher meiner Erinnerung öffnen oder schließen. Manche stehen immer offen. Scheinbar, denn ich könnte sie schliessen oder einstellen, wie weit sie offen stehen.

Der Blick durch manche Gucklöcher erfüllt mich mit tiefer Freude. Andere Bilder gefallen mir nicht, ich runzele die Stirn oder werde traurig.

Oft ist mir nicht bewusst, dass ich dazu neige, diese Bilder zu verfestigen, indem ich sie mit immer den gleichen Gedanken verbinde. Tatsächlich verändern sie sich in jeder Sekunde mit jedem neuen Ereignis.

Durch die Gucklöcher zu schauen, ist wie der Blick durch Gucklöcher auf einer Schiffsreise. Die Ausblicke verändern sich ständig, die Wellen, die Formungen und Färbungen des Wassers, des Landes, der Luft, des Lichtes und die Verbindungen dessen, was ich sehe. Jeder Moment ist neu, wenn ich es erlaube.

Je älter ich werden, desto mehr bröckeln die Wände rund die Gucklöcher. Die Spannung und Festigkeit des Mauerwerks - wie des Körpers - lassen nach. Alte Gucklöcher brechen ein, verschwinden im Staub, neue Gucklöcher bilden sich. Ehemals unsichtbar Eingemauertes will frei sein. Die Seele möchte gehört werden.

Erinnerung ist mein höchstpersönliches Guckloch in die Welt meiner Seele.

© Ursula Luisa Rieger 14.07.2019