Ich manifestiere den Verkauf von Vanessa 1

Es nähert sich der Augenblick, an dem ich meine treue Vanessa, das Gefährt meiner Neuseeland-Reise, verkaufen muss. Der Rückflug ist gebucht. Es existiert eine Deadline.

Ich setze mich neben Vanessa, danke für die gemeinsame Zeit und bitte sie, mich bei der Suche nach einem/r neuen Besitzer*in zu unterstützen. In diesem Augenblick weiß ich: Es wird eine BesitzerIN sein. Vanessa kennt ihre neue Besitzerin bereits. Ich habe dafür nur ein paar Dinge in der materiellen Wirklichkeit in die Wege zu leiten.

"Welches ist dein Wert, Vanessa?" Ich erhalte die Zahl "3500 NZD“ und spüre, wie alle zufrieden sind, die neue Besitzerin, Vanessa und ich. Tiefe Dankbarkeit durchfliesst mich.

Zwei Tage später bin ich auf einem Automarkt. Niemand interessiert sich für Vanessa. Ein Händler schlendert vorbei. Es wird gemunkelt, er kaufe nur Vans unter $500, am liebsten von jungen Tourist*innen, die aus Zeitgründen verkaufen müssen. Kümmert mich nicht. Es gibt viele Wirklichkeiten. Ich vertraue Vanessa. Sie kennt ihre neue Besitzerin. Diese Geschichten gehören zu einer anderen Wirklichkeit. Vanessa und ich haben unsere eigene Wirklichkeit.

Plötzlich taucht eine sympathische junge Frau auf, mit ihren Eltern und ihrer elf Monate alten Tochter. Ebenso blitzartig verwandelt sich die Atmosphäre. Ein leichtes Flirren liegt in der Luft. Der Automarkt "versinkt". Eine gläserne Glocke legt sich über die Situation. Ist da noch ein Markt? Eine Welle erfaßt mich. Ich schwimme mit. Wie in einer Art Doppelbelichtung legen sich zwei Wirklichkeiten übereinander.

Das Interesse der Familie verdichtet sich. Ich erzähle, dass ich eigentlich noch gerne das Prana-Festival besuchen möchte, bevor ich den Van abgebe. Die junge Frau schaut mir klar und direkt in die Augen und entgegnet sofort: „Ich fahre mit.“

Sprachlos angesichts der unerwarteten Offenheit und Intimität stammele ich: „Ähhh, najaaa, wie … mit dem Kleinkind? Zu dritt? In dem Van? Naja … ."

Wie in einem Sog kann ich nicht Nein sagen und habe das Gefühl, nicht frei entscheiden zu können. Nach einer Probefahrt entscheidet sich die Familie für den Kauf. Wir verhandeln und landen bei $3500. Na, so was.

Als ob jemand auf die Pauke gehauen hätte, hebt sich genau in diesem Moment die Glasglocke über der Situation. Meine Wahrnehmung erweitert sich schlagartig. Dankbar, glücklich und etwas irritiert stehe ich da und denke: In den nächsten zwei Wochen werde ich nicht mehr allein sein, sondern in einer Camperbus-WG mit Frau und Baby leben.

"Das habe ich nun von der tollen Idee, dich mitbestimmen zu lassen." Ich kann es mir nicht verkneifen, mit Vanessa zu hadern. "Liebe Vanessa, was hast du mir da eingebrockt? Was hast du dir bloß dabei gedacht? Welchen Sinn macht das denn? Naja, hübsche Idee, aber muss es wirklich eine 2 Wochen-Reise zu dritt sein?“ Völlig unbeeindruckt gibt Vanessa zurück, dass ich doch solche Überraschungen in tiefster Seele liebe. Stimmt.

© Ursula Luisa Rieger