Im Krematorium

Während meiner kurzzeitigen Assistenz in einem Bestattungsinstitut bot sich mir die Gelegenheit, bei einer Verbrennung, einer Einäscherung, wie es im Fachjargon heißt, unmittelbar dabei zu sein. Sage ich diesen Satz, weichen die meisten Menschen entsetzt zurück. Verständlich. Auch meinem Sohn gefiel diese Vorstellung nicht, als ich ihm davon erzählte, und es als eine gute Idee anpries, meiner künftigen Verbrennung zuzuschauen.

Ich empfand dieses Erlebnis als besonders wertvoll und heilsam für den Trennungsschmerz. Sicher existieren dazu keine Untersuchungen. Doch ich bin sicher, dass diese Erfahrung - unter bestimmten Voraussetzungen - den häufig über Jahre andauernden, schmerzlichen Lösungsprozess konstruktiv unterstützt. Daher möchte ich davon erzählen.

Verbrennungsöfen haben oft ein Guckloch, durch das man direkt das Verbrennen beobachten kann. Ich schaue zu, wie der Körper, der physische Teil eines Menschen, im Feuer langsam verbrennt. Dabei bewegt sich der Körper im Feuer. Es ist wie ein Tanz der Transformation. Der Körper verschwindet. Übrig bleibt die Asche und Metallteile, falls solche bei einer Operation eingesetzt wurden. Letztere kommen selbstverständlich nicht in die Urne, sondern werden verkauft. Ein hübscher Verdienst nebenbei.

Doch ich schweife ab. Es geht mir um die langfristige Wirkung dieser tief bewegenden Beobachtung. Ich erlebe das Verbrennen des Körpers direkt vor meinen Augen. Das unnütze Fleisch vermodert nicht in einem Grab. Die körperlich Erscheinung wird zu Rauch.

Ich stehe davor. Das Feuer leitet mich in einen meditativen Zustand. Diese Verkörperung ist vorbei. Die energetische Essenz, die gelebte Energie bleibt und bereichert das Universum. Das kann ich mir natürlich nur vorstellen, wenn ich nicht an ein absolutes Ende glaube, wenn ich loslassen möchte und nicht der häufige Wunsch nach Festhalten vorherrscht.

Bin ich aber vom Tod als Transformation überzeugt, kann eine solche Beobachtung meine Fähigkeit zum Loslassen deutlich beschleunigen, besonders wenn nahestehende Menschen die Ebene wechseln.

Die reinigende und klärende Kraft des Feuers verstärkt die Wirkung nach innen, auf die beobachtende Person.

Meines Wissens ist es in vielen Krematorien möglich, einer Verbrennung beizuwohnen, natürlich nur auf ausdrücklichen Wunsch. In manchen Krematorien darf man am Sarg, in dem die verstorbene Person in den Ofen geschoben wird, Abschied nehmen. Natürlich schenkt das nicht die Erfahrung, die ich meine.

Ich war von dieser Möglichkeit begeistert. Auch wenn ich meinen Sohn immer noch nicht überzeugen konnte. Aber das hat ja alles noch Zeit.

© Ursula Luisa Rieger