Tod im Leben

Ich lebe und bin tot zugleich. Inmitten eines Trümmerhaufens toter und absterbender Zellen bin ich voller Leben, bin ich Bewusstsein, das von sich weiss. Die Atome und Moleküle in meinem Körper sterben und erleben ihre Wiedergeburt - unentwegt. In mir geschehen kleine Tode in jedem Augenblick. Mein Erscheinungsbild bröckelt. Ich bedenke es nicht. Ich nehme es nicht wahr.

Ich bin lebendig innerhalb meines eigenen Todes - trotz oder vor allem wegen der mannigfaltigen Tode und Wiedergeburten in meinem Körper.

Mein Körper ist ein völlig anderer jetzt als vor zehn Jahren, als vor zwei Jahren. Der Körper, den ich vor 10 Jahren hatte, ist tot. Warum habe ich nicht das Gefühl, tot zu sein? Ich schreibe diese Zeilen mit Fingern, die aus völlig neuer Materie zusammengesetzt sind. Die Pupillen, die diesen Text sehen, haben vor zehn Jahren noch nicht existiert. Und doch empfinde ich keine Lücke, sondern eine Kontinuität.

Das Bewusstsein ist nicht kontinuierlich auf das Diesseits gerichtet. Es pulsiert. In einem Moment bin ich "lebendig", bin auf die physische Realität fokussiert. Im nächsten Moment bin ich weg von der physischen Realität, einfach woanders, in einem anderen Realitätssystem, dem menschlichen Verständnis nach "tot". Den Augenblick der Leblosigkeit nehme ich nicht wahr. Mein Kontinuitätsgefühl basiert quasi auf jeder zweiten Pulsation.

Das Bewusstsein ist wie ein Glühwürmchen. Es umflackert mein sich ständig wandelndes Erscheinungsbild. Mein inneres Licht glimmt auf und aus - ohne jemals zu verlöschen.

Und so bin ich - ohne es zu wissen - mitten im sprühenden Leben des Bewusstseins oft tot, das heisst, von der physischen Realität gänzlich abgekehrt.

Und der Tod im gängigen Sinne tritt ein, wenn der eine Pulsschlag länger dauert. :-)

© Ursula Luisa Rieger