Trauerfeier ohne die Tote

Nach einer schamanischen Initiation konnte ich Verstorbene sehen. Nichts Besonderes. Jede/r kann es. Ich konnte es auch schon vorher, habe es nur anders interpretiert. Nun wußte ich auch, dass Verstorbene häufig - nicht immer - bei ihrer Beerdigung anwesend sind.

Eines Tages starb eine liebe Kollegin an einem Gehirntumor. Als ich es erfuhr, nahm ich Kontakt zu ihr auf. Sie hatte immer viel gearbeitet, hatte sich als Lehrerin engagiert für ihre SchülerInnen eingesetzt. Als Mutter war sie nicht nur zuständig für drei, mittlerweile erwachsene, Kinder, sondern auch für ihren arbeitslosen Mann. Immer hatte sie sich mehr Zeit und mehr Konzertbesuche gewünscht. Ich sah, dass sie auf der anderen Ebene jubelnd, quasi mit „Pauken und Trompeten“ empfangen wurde und sich unendlich freute. Sie hatte ihre Lebensaufgaben gemeistert. Es ging ihr blendend.

Selbstverständlich erwartete ich, sie auf der Trauerfeier zu spüren. Sie war nicht da. Ich war fassungslos, konnte es nicht begreifen. Eine große Familie, eine Menge Bekannte - und sie war nicht da. Täuschte ich mich? Falls nein, warum blieb sie weg? Ich verließ die Feier vorzeitig, fühlte mich ohnehin deplatziert. Am liebsten hätte ich allen zugerufen: "Hey, ihr braucht nicht traurig zu sein. Es geht ihr prächtig."

Zu dieser Zeit war ich mit einer Hellseherin befreundet. Ich erzählte ihr die Geschichte, zu der mir keine Erklärung einfiel. „Die Familie war nicht gut zu ihr. Sie haben sie vor allem ausgenutzt“, sagte sie. Stimmt. Ich hatte nicht gewagt, so etwas zu denken. Nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Jedes ihrer Familienmitglieder dachte vor allem an sich selbst und ließ sich von ihr unterstützen. Sie nahmen, nahmen und nahmen … Sie war eine starke Frau. Niemand machte sich Gedanken um ihre Bedürftigkeit.

Nun, nach ihrem Übergang ging meiner Kollegin ihre Familie im wahrsten Sinne „am Arsch vorbei“. Zunächst. Das kann sich ja wieder ändern. Jetzt war offenbar sie an der Reihe. Nur sie. Sie genoss es in jeder „Pore“ ihrer entkörperlichten Existenz. Endlich wurden ihre innigsten Wünsche erfüllt. Null Interesse an Familienpflichten any more (sie war Englisch-Lehrerin). Kein Interesse an ihrer Trauerfeier.

Kann passieren.

© Ursula Luisa Rieger