Was mich ein Clan über Gemeinschaft lehrte

In den 90ern besuchte ich mehrmals den matriarchalen Clan der Minangkabau in West-Sumatra in Indonesien, in den ich aufgenommen war.

Ich schlief mit anderen im Mutterhaus und fühlte mich geborgen. Mangels Betten lag ich auf dem Holzboden, und es war bequem. Ich aß gerne, was mir vorgesetzt wurde. Kurzum, ich kam mit allem zurecht - ausser mit einer Situation: Ich war 24 Stunden nicht allein.

Selbst auf dem Weg durch das Dorf wurde ich von jeder Person, ob klein oder groß, jung oder alt, angesprochen „Dari mana? - Woher kommst du?“ „Ke mana? - Wohin gehst du?“ Ich nahm’s mit Humor. Ich genoß dieses paradiesische Fleckchen Erde, dieses Dorf zwischen Palmen, Reis- und Chilli-Feldern.

Eines Tages bot sich eine Gelegenheiten, dem ununterbrochenen Beisammensein für eine Weile zu entfliehen und frei durchzuatmen. Ein Mädchen lud mich voller Stolz ein, ihre Kuh im Nachbarort zu besichtigen, einige Kilometer Weg durch den Dschungel.

Zurück in unserem Dorf erwartete mich eine sanfte und gleichzeitig deutliche Rüge der Matriarchin. Ohne Bescheid zu sagen, dürfe ich nicht in ein anderes Dorf gehen. Es sei gefährlich. Den Grund verriet sie nicht.

Trotz der „Pauke“ fühlte ich mich vollkommen angenommen. Sie verstünde, dass es für mich schwierig sei, niemals allein zu sein. Ich könne mir auch Zeiten für mich nehmen, müsse sie aber darüber informieren. Ich war zutiefst beeindruckt, nicht nur von der kooperativen Art, Kritik zu äußern. Besonders erstaunte mich ihr Verständnis. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass meine Clan-Familie sich darüber bewusst sein könnte, dass ich als Westlerin im Clan einen individuelleren Raum brauchen könnte. Was wissen sie von meiner individualistischen Sozialisation? Ich schämte mich dafür, sie unterschätzt zu haben, als sie zu mir sagte:

„Ihr lebt ein sehr individualistisches Leben in Europa. Im Clan leben wir anders. Doch wir wünschen uns manchmal mehr Individualität. Aber nicht so extrem wie bei euch. Dagegen würde euch im Westen wohl etwas weniger Individualität ganz gut tun.“

Ich war beeindruckt. Blickte ich doch bisher eher neidisch auf ihr aufgehobenes Leben in der Gemeinschaft. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass sie sich mehr Individualität wünschen könnten.

Sich in einen Clan zu inkarnieren bringt spezielle Erfahrungen mit sich. In einen westlichen Staat zu inkarnieren, bringt andere Erfahrungen mit sich. Wir wählen unterschiedliche Erfahrungsmöglichkeiten. Wieviel Gemeinschaft? Wieviel Individualität? Sind das Grundfragen menschlicher Existenz? Wo auch immer wir sind - und in verschiedenen Lebensphasen - bemühen wir uns immer wieder um die persönliche Balance.

Die Minangkabau sind begrenzt in ihrer Freiheit, sich für Individualität zu entscheiden. Im individualistischen Deutschland aufgewachsen, sind mir Grenzen in der Entscheidung für Gemeinschaft gesetzt - innere Grenzen.

© Ursula Luisa Rieger