Kein Landeplatz für Bakterien

Kann ich entscheiden? Besitze ich die Macht, meine körperliche Beschaffenheit zu wählen - ohne physische Hilfsmittel, allein aus geistiger Kraft?

Na, klar. Unendliche Variationen warten nur auf den Moment, aufgestöbert zu werden. Passend zu kalten Jahreszeit möchte ich eine Spielart am Schwarzen Brett aushängen: Wie schütze ich mich vor Erkältungen - ohne physische Krücken?

Die Bekanntmachung richtet sich an Menschen, für die eine Erkältung keinen Nutzen hat. Wie bitte? Welchen Nutzen sollte eine Erkältung denn haben? Oh, die ungern gehörten inneren Kräfte entfalten eine enorme Power, wenn sie der Meinung sind, ein paar ruhige Tage zur Entspannung und fernab jeder Verpflichtung sind jetzt unbedingt notwendig. Gegenüber diesen seelischen Anordnungen bin ich chancenlos, nicht gegenüber den kleinen unsichtbaren, allgegenwärtig bedrohlichen, Monstern in Form von Bakterien und Viren.

In solchen - oft beruflichen - Stress-Situationen befinde ich mich persönlich nicht mehr. Ich sehne mich nicht aufs innigste nach einer Zeit des Ausklinkens, des Nichtstuns auf der Coach, wofür ich gerne eine laufende Nase oder Halsweh in Kauf nehme, wenn es denn sein muß.

Doch was passiert, wenn ich und meine tieferen Schichten eine Erkältung nicht mehr brauchen? Ich höre auf, ein Landeplatz zu sein.

Kaum jemand weiß: Viren und Bakterien sind auf einen Landeplatz angewiesen. Sie sind nicht in der Lage, überall zu landen. Der Boden, der Körper, muss quasi bereitet sein, gedüngt mit einer inneren Einstellung. Die Düngung besteht zum Beispiel aus der Erwartung, in Kürze von den Viren angeflogen zu werden, verbunden mit der mehr oder weniger bewussten Bereitschaft, die Viren landen zu lassen.

Diese Information erhielt ich vor etwa 17 Jahren. Sie leuchtete mir völlig ein. Ich beschloss sofort und mit der tiefsten Überzeugung, kein Landeplatz mehr zu sein. Eine Zeitlang testete ich mich, indem ich mutig den Erkälteten dicht auf die Pelle rückte. Jedesmal das gleiche Ergebnis: Ich blieb gesund. Allmählich verflüchtigte sich auch der geringste Anflug von Sorge. Ich hatte genügend Beweise erlebt. Die Angst verschwand. Ich war sicher, nicht angesteckt zu werden.

Seither wende ich mich nicht ab, wenn ich angehustet werde. Ich gehe erkälteten Menschen nicht aus dem Weg, sage Verabredungen mit ihnen nicht ab. Manchmal erinnere ich mich an meine bewährte Überzeugung: Ich bin kein Viren-Landeplatz. Denkend erneuere ich sie. Es klappt. Ich kann ehrlich sagen: Seit 17 Jahren bin ich nicht erkältet. Es kann nicht jede/n treffen.

Rückblickend fällt mir auf, dass die Zeit, in der ich aufhörte ein Landeplatz zu sein mit dem Eintritt in den Frühruhestand zusammenfiel. Bekomme ich nun keine Erkältung mehr, weil ich sie nicht länger brauche oder weil ich kein Landeplatz mehr bin?

© Ursula Luisa Rieger