Wie ich Wirklichkeit entstehen sah

Dies ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Wirklichkeitserfahrung. Sie gehört zu den nachhaltigsten Erlebnissen meines Lebens.

Es geschieht am Ende eines 10-tägigen Dunkel-Retreats im Jahr 2006. Ein Dunkel-Retreat ist schlicht ein Aufenthalt in vollständiger Dunkelheit. Diese Zeit verbringe ich allein im komplett abgedunkelten oberen Stockwerk eines Hauses. Im Erdgeschoss lebt meine Begleiterin, die mich einmal am Tag besucht.

Während der 10 Tage erlebe ich Faszinierendes, z.B. den Besuch einer meiner anderen Inkarnationen. Doch erzählen möchte ich von der 1-Minuten-Erfahrung, die sich in dem Moment ereignete, in dem ich den Dunkel-Retreatraum verließ, und mehr als das äußere Licht erlebte.

Meine Begleiterin öffnet die Tür. Ich schaue, hatte vor, einfach hinaus zu spazieren. Schockiert bleibe ich stehen. Wo sind die Dinge? Wo ist die Materie, die Realität? Ich sehe nur ineinander fliessende Farben und Formen. Alles neben, über und unter mir fließt. Ich erschrecke zutiefst.

„Ich kann nicht gehen“, stammele ich.

Der Boden „schwimmt“. Ich wage keinen Schritt. Nichts ist fest. Alles ist in Bewegung. Vielfältige Farbströme fließen sehr schnell ineinander.

Während ich noch verwirrt stammele, spüre ich plötzlich ein deutliches Knacken in meinem Kopf. Blitzartig setzt sich aus dem farbigen Energiefluss die Materie zusammen. Der Boden, die Fenster, meine Begleiterin … Das Bild wird scharf. Alles ist wieder da.

Es ist, als ob das Gehirn sagt: „Ups, da stimmt etwas nicht“ und sich an die aktuell gültige Wirklichkeit erinnert, die ich während meiner ersten Lebensmonate so sorgfältig konstruiert hatte. Die Materie wird in die erinnerte Szenerie platziert und fixiert.

Sehr langsam setze ich wieder einen Schritt vor den nächsten.

Mir ist bewusst, dass diese Geschichte viele Erklärungen zuläßt. Mein persönliches Empfinden ist: Nach 10 Tagen in vollständiger Dunkelheit erlebe ich in diesem Moment wie Materie entsteht, wie Energie im Gehirn zur physischen Wirklichkeit zusammengebaut wird: Bewusstsein -> Energiemuster -> Materie.

Ist die gesamte Wirklichkeit Camouflage, „getarnter Geist“? Konstruieren wir, individuell und kollektiv, was wir sehen und erleben? Ist Objektivität eine Illusion?

Dieses Erlebnis bestärkte mich in der Überzeugung, dass die Wirklichkeit nicht das ist, wofür wir sie normalerweise halten, nämlich für massiv und fest. Ich erlebte, was verschiedene wissenschaftliche Richtungen beweisen: Wir erliegen hier einem Schein. Die physische Wirklichkeit verfestigt sich erst mit der Beobachtung, mit der Wahrnehmung im Gehirn. "An sich" ist sie fliessende, pulsierende Energie.

Über welch revolutionäres, inneres Potenzial verfügen wir, um die Welt zu verbessern!

© Ursula Luisa Rieger