Eine kleine Sternstunde

Es gibt Sternstunden auch mit kleinen Sternen. Diese Sterne leuchten zwar oft nur kurz, aber nicht weniger hell. Sie bleiben in Erinnerung wie die großen, wenn -, ja, wenn wir für sie offen sind. Ich glaube auch, dass in (fast) jedem Menschenleben diese kleinen Sternstunden sichtbar, hörbar, spürbar, erlebbar werden und unser Leben bereichern können, auch wenn wir uns nicht ständig an sie erinnern.

Mir ist ein Satz wichtig, den ich oft wiederhole: Wenn wir einen Menschen ansehen, dann schenken wir ihm Ansehen, vorausgesetzt, wir sehen ihn freundlich, vielleicht sogar gütig an. Und ebenso fühlen wir uns wert, wenn wir von einem Menschen freundlich angesehen werden.

Ich hatte das Glück, dass es fast 1700 Gesichter waren, die mich freundlich, wohlwollend und sogar heiter ansahen. Dabei ging ein leises, fröhliches Raunen durch das voll besetzte Auditorium Maximum der Hamburger Universität. Das besonders Schöne an der Situation war, dass ich keinerlei Vorleistungen dafür erbracht hatte. Wie kam es dazu?

In meiner Zeit als Hamburger Universitätspfarrer hielt ich für Studenten aller Fachrichtungen ein dreijähriges Ausbildungsseminar in Logotherapie (eine sinnzentrierte Psychotherapie und Beratung). Sehr gern hätten die Teilnehmer den Begründer der Logotherapie, den berühmten Wiener Professor für Neurologie und Psychiatrie Viktor Frankl kennengelernt. Da ich sein persönlicher Schüler gewesen war, sagte er auf meine Bitte hin zu.

Ich sorgte für ihn und seine Gattin während seines Aufenthaltes in Hamburg. Während er dem Vortragsabend in der ihm eigenen Art ruhig und gelassen entgegen sah, war ich nicht frei von Nervosität. Denn obwohl ich im Hamburger Abendblatt schon manchen Artikel über die Logotherapie geschrieben hatte, war dieser Begriff vielen Hamburgern unbekannt. Und nun sah ich ein voll besetztes "Audimax".

Ich hatte die erste Reihe mit Zetteln für Vertreter von Kirche und Universität versehen lassen, die die Veranstaltung ermöglicht hatten. Darauf stand in großen Lettern: BESETZT. Auch ich sass in der ersten Reihe. Kurz vor Beginn von Frankls Vortrag erhob ich mich und ging zum Rednerpult, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei. Dann drehte ich mich um und - sah 1700 Menschen, die mich anlächelten, anlachten, anstrahlten, ansahen.

Einen Augenblick war ich überrascht, aber ich fragte nicht gleich, warum sie das taten. Es war einfach nur schön, so viel Wohlwollen erleben zu dürfen. Denn zweifellos war ich gemeint. Soweit ich mich erinnere, war ich zwar einen Augenblick überrascht, aber nicht peinlich berührt. Zu schön war kurz zuvor das Ansehen gewesen, das mir ein großes Auditorium geschenkt hatte.

Als ich wieder Platz genommen hatte, wandte sich mir ein neben mir sitzender Herr freundlich zu, lächelte mich an und fragte nur: "Darf ich?" Dann ging seine Hand zu meinem Rücken und löste behutsam den Zettel BESETZT von der Rückseite meines Jackets.

© Uwe Böschemeyer