leise worte

Die Ampel zeigt Rot.

Ich sitze im Auto, wolkenbedeckter Himmel, leichtes Nieseln.

Seit drei Jahren, seit dem Tod meines Vaters, wohnt sie in unserer Nähe. Auch heute wieder brachte ich sie zurück in ihre kleine Wohnung, in der sie rund um die Uhr gepflegt wird.

Sie.

Mutter, Freundin, Vertraute.

Bald kann sie ihre hundertjährige Geschichte erzählen, eine Geschichte, deren Worte sich auch im Text meiner Lebensgeschichte widerspiegeln. Unser gemeinsames Zeitfenster, nur noch ein kleiner Spalt?

Zeit, ein Hauch von Lebensfreude, wenn wir uns freuen an Kleinigkeiten, die für uns nicht selbstverständlich, mit jeder gemeinsamen Stunde aber umso kostbarer werden. Zeit in dem netten Restaurant an der Flusspromenade oder in dem kleinen Kaffee am Teich, um sie aus der zunehmenden Isolation ihres Älterwerdens zu entführen.

An manchen Tagen nehme ich sie mit zu mir. Wie so oft kramen wir in unserer Schatzkiste nach vergilbten Fotos, alten Briefen, kleinen, für uns ach so kostbaren Habseligkeiten, die an unser einstiges Zuhause erinnern.

Ihre Worte scheinen in letzter Zeit etwas weniger und leiser zu werden.

Wahrscheinlich gewinnen sie deshalb für mich umso mehr an Bedeutung. Vielsagende, wenige Worte, begleitet von vielsagenden Blicken und zarten Berührungen.

Mit der Zeit verschwimmen unsere alten Geschichten und erblühen in neuem Gewande. Und inmitten dieser Geschichten schweben wir beide, dankbar für die Stunden, in denen wir uns mit wenigen Worten so viel zu sagen haben.

Der Regen hat mittlerweile nachgelassen.

Zuhause angekommen betrete ich meine Wohnung. Ihre weichen Hausschuhe scheinen noch warm zu sein.

Sie ruhen auf dem Fell unter meinem Sekretär und warten, warten und hoffen wie immer auf ein nächstes Mal.

© Valentina