Meersüchtig

Schritt für Schritt schien er sich vom Imperativ seines Alltags zu entfernen. Kein du musst, du sollst, du sollst nicht. Es fühlte sich an, als ob die Schwerkraft ihn losließe, und dabei aber entschleunigte er, entfloh und entschwebte mit jedem Schritt aus seinem perfektionistischen Dasein. Und bald begann er, sich wieder selbst zu spüren, während ihn die Brandung mit jedem Wellenschlag ermunterte weiterzugehen. Es war Flut, wie im Takt umspülte das Wasser die Felsen, die emporragten, vereinzelt sich aber auch wie schwarze Kohlestifte im Sand zu vergraben schienen. Der steinerne Pfad entlang der Küste schien kein Ende zu nehmen. Vielleicht war es gerade das, was ihn so faszinierte? Schritt für Schritt. Mit jedem Atemzug verschlang er die Meeresprise. Dabei nahm er wahr, was bislang nur in seinem Unterbewusstsein schlummerte. Wie kostbar doch alles um ihn war und er ein winziges Etwas, das respektvoll seine für ihn neue Umgebung mit Wertschätzung wahrnahm. Es öffnete sich der Vorhang zu seinem Ich und er erkannte sich plötzlich selbst nicht mehr. Behutsam kniete er nieder, um die eine alleinige gelbe Blüte zu berühren, deren grüner Stängel sich einst mühsam durch das schwarze Lavagestein gequält hatte. Dieses zarte Lebewesen veranlasste ihn sich zu bücken, ihn, der es gewohnt war, dass alle anderen ihn immer mit Kniefall begegnet waren. Es veranlasste ihn, Halt zu machen. Noch war ihm nicht bewusst, dass dieser Halt ein längerer werden sollte. Ein Halt, um im Leben wieder Halt zu finden? Der Büroalltag, die zermürbenden Gespräche mit manchen Mitarbeitern, das alles hatte ihm in letzter Zeit stark zugesetzt und tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben. Ein Blick auf seine Uhr. Es war schon spät geworden. Wie lange er wohl da gekniet sein mag? Er glaubte, sein Spiegelbild im Wasser zu erkennen: ein Bildnis ohne tiefe Gräben. Seine Finger berührten sein Gesicht um danach rasch in sein Sakko zu greifen. Dort warteten seine ständigen Begleiter, um wie so oft zum Einsatz zu kommen. Nur diesmal schien alles anders. Mit einer Selbstverständlichkeit hielt er Notizbuch und Bleistift in den Händen. Er hatte das Gefühl, zum ersten Mal Sinn in sein Leben zu bringen. Und er begann, er begann zu schreiben.

Schritt für Schritt…

© Valentina