Zu spät

Der Strand ist menschenleer. Feiner Sand rieselt durch ihre Hände, gleich einer Sanduhr, deren feine Körner Erinnerungen wachrufen.

40 Jahre, eine kleine Ewigkeit. Es war Winter, kurz vor Silvester, vielleicht ein Neubeginn? Obwohl festgeschnallt im Flugzeug, fühlte sie sich richtig frei. Es war ihr erster Flug allein. Bald war das Wolkenmeer durchbrochen, alles Grau blieb hinter ihr. Blauer Himmel, Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit, an den letzten Sommer, den sie gemeinsam verbracht hatten an einem kleinen Badeort an der Adria. Sie fühlte ein leises Kribbeln. Was wird sie erwarten? Was wird er von ihr erwarten? Bald wird er vor ihr stehen, so wie damals am Strand. Sie hatten sich rasch ineinander verliebt und überdauerten die langen, grauen Herbsttage mit dem Schreiben von Briefen, in denen sie sich Zeile für Zeile immer näher zu kommen schienen. Milano Aeroporto. Sie sah ihn schon von weitem. Gut aussehend, wie damals, perfekt gekleidet, wie immer, diesmal beinahe zu perfekt. Vorsichtige, flüchtige Blicke, dann Umarmungen, die in ihr plötzlich ein gewisses Gefühl der Umklammerung auslösten. Alles hatte er bestens organisiert. Mit dem Auto seines Vaters fuhren sie in Richtung La Spezia, um bald darauf in Cinque Terre auf der Via dell‘ Amore zu wandern… wie bunt, wie bunt sie sich das alles ausgemalt hatte! Doch von Minute zu Minute wurde ihr bewusst, dass ihr Gefühl sie getäuscht hatte. Sie spürte sein Verlangen, das sie aus irgendeinem Grund nicht erwidern konnte. Ihr Gefühl der Freiheit, ihre Lebenslust, ihre Träume, alles war eingeengt in einem Korsett, das mit jeder seiner Berührungen noch fester zugeschnürt wurde. Die unbändige Leichtigkeit ihres Seins bröckelte langsam ab und schien mit jedem seiner zärtlichen Worte mehr und mehr zu schwinden. Wie sehr er sie doch liebe, wie wertvoll sie ihm sei. Ohne es zu ahnen, trieb sie jedes dieser Worte nur weiter von ihm fort. Sie wollte ehrlich sein, hatte nie die Absicht, ihn zu verletzen. Und sie versuchte zu erwidern, gefangen in ihrem Labyrinth der Gefühle. Ausweglos. Er schien sie nicht zu hören, sie vielleicht gar nicht hören zu wollen. Bald wurden ihre Töne leiser, schon bald verstummte sie. Eine unsichtbare Wand hatte sich zwischen ihnen aufgetan.

Am Tag ihres Abfluges steckte er ihr einen Brief zu. Das Kuvert öffnete sie erst, als sie über den Wolken war. Ein nasser Vorhang benetzte ihre Augen. Alles war nun für immer verschwommen, nur die Erinnerung blieb.

Wie gerne würde sie heute seine Hand halten, nur um ihn um Verzeihung zu bitten, doch die Sanduhr ist abgelaufen. Es gibt ihn nicht mehr.

© Valentina