Guten Morgen!

"Falsche Tonne! Kannst Du nicht lesen?" faucht eine Nachbarin den Mann neben ihr an. "Du weißt wohl immer alles besser, oder?" konntert er grimmig. Sie trennen Müll aber vergiften sich den Tag mit bösen Worten. Ich kenne die Beiden seit einigen Monaten und ER scheint etwas verwirrt zu sein. An manchen Tagen erinnert er sich an mich, dann wieder gar nicht. Wie soll er sich bitte die richtige Mülltonne merken, Frau Nachbarin?

Mülltrennung, Umweltschutz ...wie viele Menschen verpesten ihre Umwelt mit ihren Worten, mit Klatsch und Tratsch? Das ist doch mindestens so giftig wie eine Portion Feinstaub oder Abgase für die Lunge. Giftige Worte stechen im Magen, ziehen alles im Körper zusammen, verspannen und verkrampfen einen, machen traurig, zornig, wütend, schlaflos...

Ganz besonders wütend machen mich manipulative Menschen. Diese kleinen, fiesen, völlig harmlos scheinenden und pastellfarben verpackten Worte, die gewisse Personen mit einem Lächeln im Gesicht ganz bewußt und zielgerichtet auf dich und deine Schwächen abfeuern und direkt deine Mitte treffen. Sie breiten sich in deinem Gehirn aus wie dicke, lange Oktopusarme und verschleiern deinen Verstand. Sie sind wie Ölteppiche in einem gesunden, lebendigen Ozean.

Wie wäre es, wenn wir anstatt "nur" Plastik, Altglas und Biomüll zu trennen auch mal auf unsere Worte achten, auf Respekt und Anstand dem anderen gegenüber. Die schlechten Worte in die Mülltonne und die guten verteilen unter den Leuten. Jeder weiß, was ein freundliches "Guten Morgen!" bei einem selbst auslöst. Das zieht einem doch ruckzuck die Mundwinkel himmelwärts.

Das was ich am meisten vermisse, seit ich vom Land in die Stadt gezogen bin, ist das Grüßen. Bei mir zu hause grüßt Jeder Jeden. Auch die Kinder grüßen. Vom Bürgermeister bis zum Bahnhofswärter, jeder grüßt. Grüßen und ein Lächeln und die Welt wird wieder ein kleines Stück schöner werden. Ich weiß es! Also nehm ich mich heute selbst an der Nase, blättere den beiden Nachbarn ein doppelt fröhliches "Guten Morgen!" entgegen und während ich meinen Müllsack einwerfe, setze ich mein bestes Lächeln auf.

Völlig perplex starrt mich Frau Nachbarin an und bringt kaum ein stotterndes"Morgen" hervor. "Grüß Gott!" erwidert der Herr Nachbar und freut sich, während Frau Nachbarin schnellstmöglich das Weite sucht. Freundlichkeit, ungewohntes, bedrohliches Terrain für so manchen. Herr Nachbar krault noch meine Katze, macht ihr Komplimente und wünscht mir dann einen schönen Tag. Na, also!

© Valerie Achleitner