Lepschiabend "Atemlos"

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Lepschiabend "Atemlos" | story.one

Hatte ich doch schon vorher gespürt, dass wird heute kein leichtsinniger, lustiger Abend – da ist der Wurm drinnen – hatte ich jetzt sozusagen Brief und Siegel. Ich wandte mich den dargebotenen musikalischen Einlagen zu, schlimmer konnte es ja nicht mehr kommen. Ich bestellte sicherheitshalber gleich zwei Gin Tonic´s, die diesen Namen nicht verdienten und auch noch warm serviert wurden, weil die Eiswürfelmaschine den Geist aufgegeben hatte. Alle Achtung, einige der SängerInnen hatten wirklich eine tolle Stimme, die machten das sicher nicht zum ersten Mal. Hinter meinen geschlossenen, geistigen Augen zogen die Madonnas`s, Gloria Gaynors`s, STS, Mikel Jackson`s ihre Kurven, fast wie das Original. Optisch leider nicht. Gut es gab auch die absolut talentfreien Darsteller – ich mag Musik nur wenn sie laut ist – war offensichtlich deren Motto. Ich zollte ihnen besondere Hochachtung, nie und nimmer hätte ich mich das getraut, ihr Selbstvertrauen lag offensichtlich in der Höhe des nahe gelegenen Donauturms, meines mehr in der Kapuzinergruft, also was Singen betrifft. Ich übernahm das Fremdschämen in Bausch und Bogen, für das unerträgliche Gsangl und die Fotostrecken meiner Freundinnen gleich dazu.

Kurz nach Mitternacht leerte sich die Lokalität abrupt, auch meine drei männerbesetzten Freundinnen ergriffen ihre Kunstfaser H&M Blazerchens und die Flucht zum wartenden zukünftigen Ex-Gespons, die anderen rannten offensichtlich der letzten U-Bahn nach.

Ich blieb wie paralysiert am abgewetzten Sesselchen kleben, Vroni hatte den Zapfenstreich des Asylantenheims eh schon verpasst und streichelte teilnahmslos die Fotos in ihrem Handy auf und ab. Ich mein Seidenkleid, welch Verschwendung samt Haare waschen, Glätteisen, Schminken – 3 Stunden Zeitinvestition für den Gully. Bilanz des heutigen Abends, 50,- Euro für warme Gin Tonic ähnliche Getränke, 20,- Euro für das Taxi in die Zivilisation und einen Frustberg wie Lady Di bevor sie mit Dodi an den Pfeiler in den Tod gefahren wurde…und Das Alles stocknüchtern.

Ein weiteres Mal erklang Atemlos von unserer lieben Helene, ich mag das Lied, aber nicht zehnmal an einem Abend.

Das dürfte auch mein Gesichtsausdruck gezeigt haben, während ich einer plötzlichen Halluzination zum Opfer fiel. War schon Weihnachten, kling Glöckchen klingelingeling oder spielte mir mein Alkoholplacebo einen Streich? Da baumelten unzählige Goldkettchen vor mir, ich versuchte mein Köpfchen aus dieser Goldschlinge zu hieven und sah ein Mannesgesicht, das nicht leugnen konnte gelebt zu haben, also wirklich. Na schöne Frau, so alleine?

© Valerie Vonroe 05.04.2020