Lepschiabend in Gold

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Lepschiabend in Gold | story.one

Der Spruch war fast noch älter als er, aber jetzt nimmt der Abend eine andere Wende für mich, jetzt war er hier. Jonny reichte mir seine ebenfalls goldbestückte, zittrige Hand zum Gruße bevor er sich etwas steif auf die 15 cm hohe Bühne hievte, die die Bretter der großen Welt bedeutet. Und nur für mich, wie er mit malborobelegter Stimme ins Mikro echote, einem Whiskeyglas in der anderen Hand würde er jetzt My Way und weil sich der mühsame Aufstieg sonst offensichtlich nicht lohnte, auch noch gleich New York, New York zum Besten geben. Den eingehenden Körper auf Maximalspannung, das Siegerlächeln festgezurrt zwischen zwei Zahnbrücken mit Goldzähnen, Frank Sinatra himself for mich, Emanuella herself! Ungeachtet der Tatsache, dass wir uns im tiefsten Kagran befanden – er war eine personifizierte Mischung zwischen alterndem Vorstadtstrizzi und einem Sir. Aber es war besser als Alles was an diesem Minuspostenabend bereits passiert war, er war originell. So was gab es doch in echt nicht, also nicht mehr in lebendig. Als ihm zum Bühnenabstieg der Kellner seinen Rollator vorfuhr, wollte ich kurzzeitig im Boden versinken, musste dann aber herzlich lachen. Und das zum allerersten Mal an diesem unnötigen Abend, der noch nicht mal die Nacht erreicht hatte. Er parkte seinen Rolls Royce, wie er ihn liebevoll nannte zwischen Vroni und mir ein, ganz Gentleman.

Champagner für die Damen gefällig? Wie heißt das elfte Gebot – du sollst nicht irren - Champagner, kalt, hier, heute? Zulassen, Loslassen – nicht nur als Floskel – ja sehr gerne, wenn es auch jenseits meiner Vorstellungskraft agiert, wie hier ein eisgekühlter Champagner das Licht der Nacht erblicken soll. Ich bin schon lange kein Opfer mehr, diese Rolle habe ich abgegeben, weil als Opfer gibst du die Macht ab. Mit jedem Schluck kam meine Macht mehr zurück, meine Jugend, meine Schönheit.

Ja natürlich im Vergleich zum Jonnyboy war ich blutjung, genau wie die allover gepircte Verkäuferin im Doc Martens Shop, die mir kaugummikauend mitteilte, dass mein Wunschmodell nur in Amerika erhältlich sei, im Vergleich zu mir blutjung ist. Ob ich demnächst die USA bereise ist ungewiss, sie allerdings schafft es mit Sicherheit nicht durch den Metalldetektor am Flughafen.

Meine Entertaste funktionierte wieder, Gesundheit-Prost-Sehr zum Wohle, einladende ältere Männer wollen dauernd anstoßen, wie wenn es das letzte Mal wäre, man weiß es ja nicht, wurscht ich spürte mich wieder. Vroni nippte zwischen ihren Wischbewegungen zaghaft mit. Alles nur so halb mitzubekommen, nicht nachzudenken, keine Traurigkeit spüren, das finde ich herrlich. Bis der Vorhang kommt, wo ich gar nichts mehr weiß, das ist nicht mehr so toll – aber entweder oder – da gibt es keinen Mittelweg. Ja und statt, dass ich mir jetzt leid tue praktizierte ich professionelles Mitleid an Jonny, der früher mit Sicherheit eine „Größe“ im Souterrain der Unterwelt war und die geilsten Weiber haben konnte, also in seiner Preisklasse halt.

© Valerie Vonroe 05.04.2020