Alles haben wollen ...

In der Kindergartenzeit meiner Kinder hatte mein Sohn einen allerbesten Freund, dessen Familie ich auch kennenlernen durfte. Wir verstanden uns gut und so luden wir einander gegenseitig ein. Bärbel war eine bodenständige, praktisch veranlagte Frau, die sehr fröhlich war und sich stets für ihre Familie einsetzte. Thomas, ihr Mann, arbeitete als Programmierer und war von Montag bis Donnerstag in Deutschland stationiert. Die Wochenenden verbrachte er mit seiner Familie.

Unsere Treffen verliefen harmonisch, die Kinder spielten gemeinsam und wir Eltern plauderten angeregt bei Kaffee und Kuchen. Da Thomas sehr lustig war, hatte er immer witzige Geschichten für uns parat. Leider konnte er die Finger nicht vom weiblichen Geschlecht lassen. Über diverse Partnerbörsen lernte er Damen kennen, was er natürlich zu Hause verschwieg; da spielte er den „braven“ Familienvater, der sich gerne von seiner Frau verwöhnen ließ. Er wollte alles haben und auf nichts verzichten. Er liebte nicht nur gutes Essen, einen guten Wein und die Musik sondern auch die Frauen – dies sollte ihm zum Verhängnis werden. Eines Tages verliebte er sich ernsthaft in eine Frau aus Deutschland und begann ein Doppelleben.

Unter der Woche traf er sich mit der neuen Freundin, die Wochenenden verbrachte er mit Frau und Söhnen. Jedem tischte er Märchen auf – der Freundin erzählte er, dass er in Trennung lebe, aber an den Wochenenden bei seinen Kindern sein wollte; der Frau erzählte er, dass er viel Arbeit habe und abends oft mit dem Programmieren beschäftigt sei. Dies ging eine Zeitlang gut, bis Thomas ernsthaft erkrankte und ins Krankenhaus musste.

Bärbel besuchte ihn täglich und zitterte um ihn und seine Gesundheit. Die deutsche Freundin erfuhr ebenfalls von seiner Krankheit und wollte ihn besuchen. Thomas wehrte ab und konnte sie mit Müh und Not davon abhalten, nach Österreich und zu ihm ans Krankenbett zu kommen. So konnte er in letzter Minute verhindern, dass sein Doppelleben aufflog.

Als er soweit genesen war, dass er wieder nach Hause gehen konnte, packte ihn das schlechte Gewissen ob seiner Lügen. Er hätte sich entscheiden müssen für eine der beiden Frauen, aber er schaffte es nicht. Dieser Zustand setzte ihm dermaßen zu, dass er sich letztendlich das Leben nahm, er hinterließ einen Abschiedsbrief.

Der Schock saß tief, nicht nur bei den Frauen, auch bei den Kindern, Freunden und Bekannten, weil niemand etwas von seinem Doppelleben mitbekommen hatte, er hatte mit niemandem darüber gesprochen. Beim Begräbnis erzählte der Pfarrer die Geschichte von Thomas, dies hinterließ bei uns Trauernden eine Gänsehaut.

Thomas hat seinem Leben ein Ende gesetzt, er kam aus diesem Gefühlsdilemma nicht mehr raus. Ich bin froh, dass Bärbel eine starke Persönlichkeit ist und ein selbstständiges Leben gewohnt ist – so wird sie den Schock mit der Zeit verarbeiten können, obwohl das Vertrauen in eine geliebte Person wahrscheinlich auf lange Zeit schwer erschüttert ist.

© Victoria