Das schnelle Kind!

Meine Schwester Marlies und ihr Mann Robert hatten bereits zwei süße Kinder und meine Schwester hätte grundsätzlich mit der Familienplanung abgeschlossen, ihr Mann sah das jedoch etwas anders. Er wollte so gerne noch ein drittes Kind und machte dies seiner Frau so lange schmackhaft, bis sie einwilligte. Es dauerte nicht lange, dass sie wieder schwanger wurde. Der voraussichtliche Entbindungstermin war kurz nach Weihnachten. Doch da spielte ihr Söhnchen nicht mit, er blieb gemütlich bis ins Neue Jahr in seiner Mutter Bauch und hatte es nicht eilig.

Als der kleine Mann eine Woche nach dem errechneten Geburtstermin noch immer keine Anstalten zeigte, sich blicken zu lassen, beschloss Marlies, mit einem natürlichen Getränk nachzuhelfen, das angeblich Wehen auslösen könne.

Abends saß das Ehepaar gemütlich vor dem Fernseher. Weil Robert schon müde war, ging er etwas früher ins Bett. Marlies wollte den Film zu Ende ansehen. Doch dann ging es plötzlich mit so einer Wucht mit den Wehen los, dass sie die Panik bekam. Sie rief nach Robert, doch dieser – der eigentliche Verursacher ihres unangenehmen Zustandes – schlief tief und fest und ließ sich in seiner Tiefschlafphase nicht stören.

Zum Glück hörte meine Mutter das Rufen ihrer Tochter. Sie übernachtete ausnahmsweise bei Marlies und Robert, damit sie am nächsten Tag auf die zwei größeren Kinder aufpassen konnte, wenn Marlies zur Kontrolle ins Krankenhaus fuhr. Mama kam nervös angerast und Marlies rief ihr zu: „Es geht los, ich kann nicht mehr aufstehen, die Wehen sind so stark. Ruf bitte die Rettung und den Arzt an!“ Mama gehorchte und brachte Handtücher und heißes Wasser für die werdende Mutter mit. Marlies ließ sich auf dem Wohnzimmerteppich nieder, da sie hier zwischen den starken Wehen ein wenig entspannen konnte.

Der Dorfarzt war schnell zur Stelle, allerdings war er etwas nervös, die letzte Geburt, die er persönlich miterlebt hatte, lag zwanzig Jahre zurück. Normalerweise entbinden die jungen Mütter im Krankenhaus oder haben bei einer Hausgeburt eine Hebamme, die zur Verfügung steht.

Im Rettungswagen, der eine Viertelstunde später eintrudelte, befand sich ein junger Zivildiener, der ganz aufgeregt rief: „Wau, das ist meine erste Geburt, hoffentlich bekommen Sie das Baby nicht im Rettungsauto!“ Ein großer Ansporn für meine Schwester, die lieber ein paar erfahrene Ärzte oder Schwestern um sich gehabt hätte. Robert schlief währenddessen gemütlich und nichtsahnend. Der Arzt entschied, dass es keinen Sinn mehr machte, Marlies in den Rettungswagen zu verfrachten, da mittlerweile die Presswehen eingesetzt hatten.

So brachte meine Schwester ihr drittes Kind, das es plötzlich sehr eilig hatte, zu Hause im Wohnzimmer auf die Welt. Alles ging trotz Hektik gut und ein strammer, kleiner Junge erblickte das Licht der Welt.

Der Wohnzimmerteppich jedoch hat dem schnellen Kind nicht standgehalten, eine gründliche Reinigung zahlte sich nicht mehr aus, er wurde entsorgt …

© Victoria