Die Erzieherin

Ich arbeitete einige Monate als Erzieherin. Während meiner Ausbildung klang Pädagogik logisch und einfach nachvollziehbar. Vom autoritären und antiautoritären Erziehungsstil war man abgekommen, der demokratische Erziehungsstil war in, man konnte diskutieren mit den Kindern, aber an gewisse Grundregeln hatten sie sich zu halten. Von einer konsequenten Erziehung wurde gesprochen. Ach, wie einfach das klang in der Theorie!

Da stand ich mit 18 Jahren vor einer Gruppe von Mädchen im Alter von 5 bis 15 Jahren, die verhaltensauffällig waren und aus so desolaten Familienverhältnissen stammten, dass sie von ihren Eltern getrennt wurden. Man kann sich die Ausgangssituation für mich Anfängerin vorstellen. Ich war selbst noch keine ausgereifte Persönlichkeit, hinterfragte mein Leben und war unsicher. Auf der anderen Seite die Mädels, die nach Liebe und Aufmerksamkeit lechzten, die dramatische Erfahrungen zu verarbeiten hatten und die andererseits die Grenzen jedes Erziehers austesteten und überschritten, denn was hatten sie zu verlieren?

Kurz gesagt, es wurden Horrormonate für mich und auch für die Kinder nicht angenehm. Ich sollte alle gerecht und gleich behandeln. Wie sollte das funktionieren? Einige waren süß und sympathisch, die mochte ich. Aber da waren noch die Mädchen, die ständig Nähe wollten, mir wurde das zu viel, und die Mädchen, die mich provozierten, wo es nur ging.

Wie sollte man so eine Mädchenbande liebevoll und gleichzeitig konsequent erziehen? Ich fühlte mich maßlos überfordert. Es gab keine Eingewöhnungsphase oder Einschulungszeit, ich wurde in diese bunt zusammengewürfelte Gruppe hineingestoßen. Konsequent bleiben – wie leicht klingt das, wie schwer ist das umzusetzen in der Praxis.

Einige Kinder bemühten sich, in der Lernstunde die Hausaufgaben fertig zu bekommen, denn sie wollten in den Garten spielen gehen. Doch ein paar der Mädels waren zu faul oder zu dumm, um ihre Hausübungen zu bewältigen, sie brauchten Ansporn bzw. meine Unterstützung, und manche machten aus Protest ihre Aufgaben nicht – Protest gegen dieses Leben, denn keine von ihnen ist freiwillig ins Heim gekommen.

Wenn am Ende der Lernstunde ein Teil der Kinder seine Pflichten erledigt hat, mussten trotzdem alle dableiben, bis sämtliche Kinder fertig waren, weil ich weder die einen noch die anderen ohne Aufsicht lassen durfte. Kein Wunder, wenn gemault wurde.

Einmal rannte ein Kind nach einem Streit davon. Die Leiterin erklärte mir barsch, dass ich verantwortlich sei, wenn dem Kind etwas zustoßen sollte. Verzweifelt suchte ich die Kleine, ich war den Tränen nahe. In der Nähe befand sich ein Fluss, was, wenn das Kind hineingestürzt ist? Zum Glück tauchte es nach einer Weile wieder unversehrt auf. Aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass dieser Beruf nichts für mich war, ich kündigte.

Diese Geschichte fiel mir schwer aufzuschreiben, da ich mich lange Zeit als Versagerin fühlte – aber auch das gehört zu meinem Leben dazu.

© Victoria