Diebstahl!

Ich war Schülerin und hatte nicht viel Geld zur Verfügung. Ein Taschengeld von den Eltern zu erhalten war damals nicht üblich. Vorm Kirtag bekamen wir etwas Geld oder wenn wir für eine Zugfahrt eine Fahrkarte benötigten. Verköstigt wurden wir ohnehin zu Hause; wenn wir aus unseren Kleidern rauswuchsen, kaufte unsere Mutter gemeinsam mit uns neue Kleidungsstücke. Und wenn wir besondere Wünsche hatten, dann bekamen wir diese anlassbedingt zum Geburtstag oder zu Weihnachten erfüllt.

Von der Verwandtschaft erhielten wir manchmal Geld, das waren dann unsere Ersparnisse. Und am Weltspartag zahlten die Eltern ein Sümmchen auf ein Sparbuch für uns Kinder ein, aber das zählte damals noch nicht wirklich für mich, denn da hatte ich ja nichts in der Hand.

Kein Geld zu besitzen war nicht wirklich ein Problem für mich, bis auf eine Sache. Ich naschte so wahnsinnig gern! Meine Mutter versuchte meinen „Süßigkeitshunger“ immer ein wenig zu bändigen, aber sie hatte keine Chance; ich bettelte so lange, bis sie mir eine Kleinigkeit genehmigte, die ich dann genüsslich verzehrte, sehr zum Leidwesen meiner Schwester. Sie hasste es, wenn ich schmatzte und bröselte oder gar mit meinen Schokoladefingern bei unseren Büchern die Seiten umblättern wollte.

Diese meine Sucht brachte mich eines Tages in ein großes Dilemma. Ich war alleine in einem Lebensmittelgeschäft, in dem eine ganze Reihe Stellagen paradiesisch anmutender Leckereien gewidmet war – Kekse, Schokoladen, Zuckerl – alles was das süße Herz wie das meine begehrte. Ich jedoch hatte nur ein paar Schillinge eingesteckt. Zu wenig für eine leckere Tafel Schokolade. Mein Bedürfnis (oder Gier?) aber war so groß, dass ich nicht widerstehen konnte. Schnell und heimlich steckte ich eine Tafel Schoko in meine Jackentasche und ging rasch weiter. Niemand schien etwas bemerkt zu haben.

Dennoch begann ich zu schwitzen und zog unwillkürlich meinen Kopf ein. Was, wenn mich doch jemand gesehen hat? Wenn ich bei der Kassa kontrolliert werde? Wenn mir jemand hinterherläuft und lautstark schreit: „DIEBIN!!“

Werde ich dann von der Schule geschmissen oder komme ich ins Gefängnis oder sind meine Eltern ein Leben lang enttäuscht von mir?

Ich bekam die Panik. So rasch wie möglich aber trotzdem möglichst unauffällig verließ ich das Geschäft. Draußen beschleunigten sich meine Schritte, das Herz pochte mir bis zum Hals. Du meine Güte, ich hatte gestohlen, ich war eine Diebin!

Das schlechte Gewissen machte sich bemerkbar, ich schämte mich und hatte Angst verfolgt zu werden. Doch keiner rannte hinter mir her.

Von dieser Schokolade konnte ich keinen Bissen genießen – und in jenes Geschäft bin ich mein ganzes Leben nicht mehr hineingegangen, denn es hätte ja jemand die kleine Diebin wiedererkennen können.

Heute entschuldige ich mich ganz offiziell für mein Fehlverhalten. Als Milderungsgrund kann ich nur anführen: so etwas habe ich nie wieder gemacht.

© Victoria