Gerechtes Leben?

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Gerechtes Leben? | story.one

Die Schwester meiner Arbeitskollegin erwartet ihr zweites Kind. Sie hat bereits einen zweijährigen Sohn und lebt mit ihrem Mann in einem Häuschen in Oberösterreich. Sie freut sich sehr auf den Nachwuchs, da sie sich diesen gemeinsam mit ihrem Partner gewünscht und geplant hat – und tatsächlich hat sich ihr Wunsch erfüllt – im Herbst ist der errechnete Geburtstermin.

Seit der letzten Untersuchung sieht die Welt jedoch ganz anders aus. Der Arzt hat eine Behinderung des Babys festgestellt. Die werdenden Eltern willigen zu weiteren Untersuchungen ein. Ein Gefühl der Unsicherheit schleicht sich ein - Angst - ist mit unserem Kind etwas nicht in Ordnung? Weshalb plötzlich die Zweifel der Ärzte?

Ein gemeinsamer Gesprächstermin mit Ehegatten und Ärzten wird vereinbart. Die schockierende Nachricht folgt: Dieses Kind wird schwerst behindert auf die Welt kommen, wenn es nicht schon zuvor im Bauch stirbt. Es ist fast nicht überlebensfähig, mehrere Organe sind schwer geschädigt. Wenn das Kind die Geburt übersteht, dann wird es ein absoluter Pflegefall werden, wird eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen, die Lebenserwartung ist gering. Keine Chance auf ein gesundes Baby. Die Untersuchungsergebnisse sprechen eine deutliche Sprache.

Für meine Kollegin und ihre Familie bricht eine Welt zusammen. Warum passiert ihnen so etwas? Es besteht keinerlei Zweifel, die Ergebnisse sind eindeutig, die Ärzte können nichts anderes sagen – die Entscheidung liegt bei den Eltern.

Die Option ist folgende: Die Eltern entscheiden sich für einen Abbruch, es wird ein Termin vereinbart, an dem das Baby im Bauch mittels einer Spritze getötet wird, dann muss die werdende Mutter im Wege einer Normalgeburt ihr verstorbenes Kind auf die Welt bringen – wie schrecklich ist das?

Die Alternative: Die Schwangerschaft weiterlaufen lassen – entweder stirbt das Kind von allein oder es schafft es bis zur Geburt – aber dann wird es schwerbehindert sein und braucht ständige Betreuung. Wie soll das zu bewältigen sein? Der junge Vater muss Geld verdienen, seine Frau hat sich auch noch um den erstgeborenen Sohn und den Haushalt zu kümmern. Wie soll das funktionieren?

Es wäre ein Mädchen geworden – eine kleine Elena – die Eltern entscheiden sich für den Abbruch – kommende Woche hat die junge Frau den Termin. Sie muss all die Schmerzen einer Geburt ertragen, dafür, dass sie danach ein totes Kind in ihren Händen hält. Gibt es noch Schlimmeres im Leben? Ich weiß nicht, wie man so ein Leid mildern soll, wie die junge Familie trösten? Ich fühle mich hilflos und leide mit ihnen.

Nur der kleine Sohn kann die verzweifelten Eltern ablenken und in seinem Dasein diese aufmerksam machen: „Hallo, die Welt bleibt nicht stehen! Ich bin auch noch da! Ihr müsst euch um mich kümmern!“

In solchen Fällen hoffe ich doch auf einen Himmel oder auf einen Engel, der die kleine Elena, der keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben gegeben wird, in seinen Armen aufnimmt und davonträgt.

© Victoria 16.07.2019