Katharina

Meine Tante und mein Onkel wünschten sich so sehr ein Kind, es verging jedoch Jahr für Jahr und es klappte nicht. Schließlich entschlossen sich die beiden dazu, ein kleines Mädchen zu adoptieren. Es verging kaum ein Jahr und sie bekamen selbst einen leiblichen Sohn, drei Jahre später folgte ein weiteres Mädchen. Die Freude war groß und die Familie glücklich. Zehn Jahre später bekamen die beiden sogar noch einen Nachzügler, wieder ein kleiner Junge; und zwei Jahre danach eine zweite Nachzüglerin – die kleine Katharina.

So wurde schon beinahe eine Großfamilie aus ihnen mit noch dazu vielen Haustieren, da die beiden auch sehr tierliebend waren. Katharina entwickelte sich in den ersten acht Monaten ihres Lebens wie ein durchschnittliches Baby, sie begann zu krabbeln und zu plappern, konnte schon sitzen, begann sich aufzuziehen und war ein lebhaftes Mäderl.

Dann plötzlich entwickelte sie sich Schritt für Schritt wieder rückwärts, niemand wusste warum – meine Tante und Onkel fuhren von Arzt zu Arzt und ließen sie auch in verschiedenen Krankenhäusern untersuchen. Die Ärzte diagnostizierten schließlich das „Rett-Syndrom“. Meine Tante glaubte, dass die letzte Impfung ihrer jüngsten Tochter die Ursache war, aber es konnte nie eindeutig geklärt werden.

Eine langjährige, mühsame Aufgabe kam auf die Eltern zu. Katharina konnte nicht selbst gehen oder sprechen, sie musste gewaschen, gefüttert und gepflegt werden. Viele Therapien waren notwendig, damit sich ihre Muskeln nicht verkürzten. Sie wuchs rein körperlich heran wie andere kleine Mädchen auch, aber sie entwickelte sich nicht weiter, es musste sich immer jemand um sie kümmern.

Das war eine sehr anstrengende Zeit. Sie wurde trotzdem von der ganzen Familie geliebt und es war stets jemand für sie da, sie erkannte ihre Familie, denn wenn jemand von ihren Geschwistern in ihre Nähe kam, ernteten diese sofort ein glucksendes Lachen. Daran sah man auch, dass sie sehr wohl am Leben teilnahm und Emotionen hatte, wenn sie es auch nur durch Lachen und Weinen ausdrücken konnte.

Die größte Angst meiner Tante war, dass sie vor meiner schwerbehinderten Cousine sterben könnte oder nicht mehr die nötige Kraft hatte, ihre größer und schwerer werdende Tochter selbst zu heben und herumzutragen. Sie war ja auch nicht mehr die Jüngste und bekam zunehmend Rückenschmerzen, wenn sie das Mädchen ins Bad oder über irgendwelche Stufen schleppte.

Als es zu Hause immer beschwerlicher wurde für Kind und Eltern, wurde eine Betreuungseinrichtung für Katharina gesucht, doch die Eltern holten sie so oft wie möglich zu sich nach Hause. Mit dreißig Jahren starb die schwerbehinderte junge Frau – ihr Leben hatte - auch wenn sie keine Leistung für die Gesellschaft erbringen konnte, dennoch einen Sinn gehabt, denn sie durfte die große Liebe ihrer Familie spüren – und dankte es ihnen mit ihrem unnachahmlichen glucksenden Lachen!

© Victoria