Mein erstes eigenes Reich

Nachdem ich 4 Jahre im Internat verbracht hatte, um eine weiterführende Schule besuchen zu können, lebte ich 1 Jahr lang bei meiner Tante in einem anderen Bundesland, da ich dort noch eine weitere Ausbildung anhängte. Nach Abschluss dieser Ausbildung war es für mich so weit. Ein Arbeitsplatz gehörte gesucht sowie eine erste eigene Wohnung.

Beim ersten Vorstellungsgespräch habe ich so ziemlich alles, was man falsch machen konnte, tatsächlich verpatzt in meiner Aufregung und Nervosität. Beim zweiten Versuch habe ich bereits einiges dazu gelernt – und tatsächlich – diese Stelle wurde mir auch angeboten. Ich begann bei einem Rechtsanwalt zu arbeiten, er bezahlte wenig, doch ich war froh, einen Fuß ins Berufsleben reinsetzen zu können und erste Erfahrungen zu sammeln, also nahm ich dieses Jobangebot an.

Nun ging es ans Wohnung suchen, das sich schwieriger gestaltete als gedacht. Da ich bis jetzt als Schülerin nichts verdient hatte und in meinem ersten Job auch nicht gerade fürstlich entlohnt wurde, konnte ich mir eine Wohnung gar nicht leisten. Noch dazu hier in der Stadt, wo ohnehin alles teurer war als bei meiner Familie am Land.

Also schaute ich mich nach einem adäquaten Zimmer um. Die erste Besichtigung war katastrophal, die Vermieterin quasselte in einer Tour, erzählte mir innerhalb einer Stunde, was sie von mir erwartete und erklärte gleichzeitig, als sie mir ein mit Sachen vollgestopftes Zimmer zeigte, dass sie leider nicht alles ausräumen könne, dieser vollgeräumte Raum wäre dann mein Reich, Küche und Bad dürfe ich mit ihr mitbenutzen. Da mir gleich klar war, dass ich mich hier nicht wohlfühlen und keine Ruhe haben würde in meinen eigenen vier Wänden, lehnte ich das Angebot höflich ab.

Meine Tante half mir eifrig bei der Suche und trieb ein zentral gelegenes Zimmer auf, von dem aus ich zu Fuß zu meiner Arbeitsstelle gelangen konnte. Das klang praktisch, also vereinbarte ich eine Besichtigung mit der Vermieterin.

Dieses Zimmer gefiel mir tausendmal besser! Es war ein großer Raum mit bunt zusammengewürfelten alten Möbeln in den unterschiedlichsten Farben, einer Waschmuschel, einem kleinen Herd und einem Kühlschrank darin. Eine Garconniere sozusagen, wenn man dieses sehr individuell gestaltete Zimmer so bezeichnen wollte. Die Miete war leistbar für mich. Kleines Manko: Klo am Gang und keine Dusche. Trotz dieser Mängel überlegte ich nicht lange, ich verliebte mich in dieses bunte, chaotische Zimmer, das mein erstes eigenes Reich werden sollte und wohnte 1 Jahr darin, ehe ich mir eine Wohnung leisten konnte.

Die mangelnde Duschgelegenheit glich ich aus, indem ich abwechselnd bei Freundinnen duschte oder ins Hallenbad fuhr, und an den Wochenenden war ich ohnehin nicht da. Ich liebte mein Reich mit den grünen Vorhängen, dem blauen Kühlschrank, dem roten Teppich … und war richtig stolz auf mein kleines Schloss, obwohl es an Luxus mangelte. Aber es war „Mein“ und gleichzeitig mein Einstieg ins Erwachsenenleben.

© Victoria