Mein erstes Schuljahr

Ich kann mich nur noch fragmenteweise daran erinnern – ein paar Emotionen, einige Eindrücke sind geblieben. Am 1. Schultag sehe ich mich mit meiner Mutter und meiner Schwester in einer großen Halle stehen, die zu diversen zahlreichen Klassenzimmern führt - nervös und angespannt mit ungutem Gefühl. Ich freute mich nicht auf die Schule. Da kam etwas Neues, nicht wirklich Vorstellbares auf mich zu, das mich bedrückte. Viel lieber wäre ich noch in den Kindergarten gegangen – die vielen Spielsachen, die nette Helferin – all das hätte ich gerne noch ein wenig miterlebt. Ich war erst 5 ½ als für mich „Der Ernst des Lebens“ begann.

Der Direktor benötigte noch Kinder um seine ersten Klassen auffüllen zu können, daher überredete er meine Eltern, dass ich gleichzeitig mit meiner um 1 Jahr älteren Schwester mit der Schule beginnen solle, denn das wäre sehr praktisch für uns. Ein Schulreifetest wurde durchgeführt und ich für schulreif befunden. Meine Eltern zögerten, doch der Direktor beruhigte sie – wenn es zu anstrengend für mich wäre oder ich mit den Anforderungen nicht klar käme, könnte ich bis Weihnachten aus der Schulklasse herausgenommen werden und wieder in den Kindergarten gehen (Vorschule gab es damals keine). Meine Eltern willigten ein.

Es begann eine anstrengende Zeit für mich, morgens fühlte ich mich sehr müde, ich plagte mich, hatte keine Freude am Unterricht und oft Bauchweh, vor allem, wenn es Tests gab. Ich traute mich oft nicht aufzuzeigen, war mir nie sicher. Wenn ich gefragt wurde, wusste ich jedoch meist die richtige Antwort.

Bei den Hausaufgaben brauchte ich ewig, weil ich mich nachmittags nicht mehr konzentrieren konnte. Stundenlang saß ich da, guckte aus dem Fenster oder zeichnete und konnte mich nicht aufraffen, meine Übungen fertig zu machen.

Nach ein paar Monaten dachte Mama, dass es vielleicht doch besser wäre, mir die Schule noch ein Weilchen zu ersparen, ich tat ihr leid. Sie ging zur Lehrerin und führte ein Gespräch mit ihr. Aber es kam nicht so wie versprochen. „Wieso?“ meinte die Lehrerin erstaunt, „Victoria ist doch gut in der Schule, sie ist ein wenig schüchtern ja, aber sie versteht alles und macht die Übungen richtig, sie wird im Semesterzeugnis eine Eins bekommen. Wieso sollte sie jetzt die Schule abbrechen?“

So ließ sich meine Mutter überreden und ich ging weiter zur Schule, wenn auch nicht gern. Mit der Zeit wurde es mit der Konzentration besser, allerdings verließ ich mich bei allem Organisatorischen auf meine große Schwester, Selbstständigkeit lernte ich nicht in diesem Jahr.

Dieses Jahr, das ich viel lieber noch mit Spielen als mit Lernen verbracht hätte, holte ich mir später in meinem Leben zurück. Als ich eine Ausbildung machte, die mir leichtfiel, und wo ich endlich lernen konnte, dass das Leben nicht nur aus Arbeit und Verpflichtung besteht, sondern dass man auch Freude und Vergnügen im Leben haben darf und ich Gelegenheit fand, meine eigenen Interessen zu entwickeln und auszuüben.

© Victoria