Sarah, gib Acht!

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Sarah, gib Acht! | story.one

Die Beziehung meiner Nachbarin Sarah zu ihrem Freund zerbröckelte, es gab unüberwindbare Differenzen, die sich stetig wiederholten.

So passierte es eines Tages, dass sich Sarah in einen Arbeitskollegen verliebte. Der Kollege war ein sympathischer Kerl, sehr sportlich und meist gut gelaunt. Er wickelte sie ein mit seinem Charme und schenkte ihr viel Aufmerksamkeit, was sie sehr genoss. Der Kollege war zwar wesentlich älter als sie und auch nicht gerade eine Schönheit, aber er interessierte sich ernsthaft für sie und es gelang ihm, sie dermaßen zu umgarnen, dass sie sich in seiner Nähe wohler fühlte als bei ihrem Noch-Freund.

Sarah machte Schluss mit ihrem Freund, weil sie keine Besserung ihrer gemeinsamen Situation sah und ließ sich auf den Arbeitskollegen ein. Walter, so hieß der Kollege, war sehr kritisch, was körperliche Fitness betraf; selbst trainierte er täglich und konnte entsprechend Muskeln vorweisen. Von Sarah erwartete er ebenso sportlichen Ehrgeiz und ihren Sohn kritisierte er sehr, weil dieser etwas zu dick war und somit nicht seinem Ideal entsprach. Sarah ließ sich in ihrer Verliebtheit viel zu viel gefallen von ihrem neuen Freund und stapfte mit ihm die Berge hinauf, nur um seinen Wünschen zu entsprechen und bei ihm sein zu können.

Walter wirkte sehr sympathisch, aber es stellte sich bald heraus, dass er alles andere als ein toller Freund war. Eines Tages, als Sarah mit ihrem Auto von ihrem Arbeitsplatz heimfahren wollte, war ein Zettel hinter ihren Scheibenwischer geklemmt. Darauf stand: Wenn du wissen möchtest, wo dein Walter ist, dann schau zu: (Frauenname, Adresse, Telefonnummer).

Sarah war geschockt, sie sprach Walter darauf an – er erklärte ihr, dass er kurz eine Affäre mit dieser Frau hatte, dies sei aber schon längst Vergangenheit. Sie glaubte und vertraute ihrem Freund, doch ein kleiner bitterer Beigeschmack blieb. Als er eines Abends anrief, dass er sie nicht mehr besuchen würde, weil er schon müde war und lieber gleich zu Bett ging, beschlich sie ein ungutes Gefühl. Sie rief ihre Freundin an und diese meinte: „Du brauchst Gewissheit. Wir fahren jetzt zu dieser ominösen Frau, von der du die Adresse hast und schauen nach.“ Gemeinsam suchten sie die auf dem Zettel genannte Adresse auf – als sie um die Kurve bogen, glaubte Sarah, dass sie umkippen würde – Walters Auto stand vor dem besagten Haus.

Dies war leider erst der Anfang, mit der Zeit kam Sarah drauf, dass Walter ein notorischer Fremdgänger war, er brauchte anscheinend diese Art von Bestätigung. Vor ihr stritt er alles ab. Als sie auch noch draufkam, dass er mit einer weiteren Arbeitskollegin liiert war, reichte es. Sie konfrontierte ihn mit all den Geschichten und er machte Schluss mit ihr.

Sie weinte ihm nicht lange nach und auch ihr Sohn war erleichtert, dem sportsüchtigen und was-auch-sonst-noch-immer-Süchtigen nicht mehr begegnen zu müssen.

Wer damals allerdings den Zettel auf Sarahs Auto geheftet hatte, das hat sie nie erfahren.

© Victoria 14.08.2019