Wunschbrunnen

Samstag Nachmittag spazierte ich durch die Linzer Fußgängerzone und landete am Hauptplatz mit dem Brunnen, der Pestsäule, den schönen alten Gebäuden und einigen Restaurants und Kaffeehäusern, die zum Verweilen einladen. Hier tanzten verschiedene Völker ihre landestypischen Volkstänze und ließen sich von den Vorbeikommenden bewundern und beklatschen.

Und genau an diesem so idyllisch wirkenden Platz konnte man den Unterschied zwischen Arm und Reich ganz deutlich beobachten, wenn man nur ein wenig hinguckte. Ich schlenderte mit einem Kaffee in der Hand umher und beobachtete die Menschen am Hauptplatz.

Die einen waren herausgeputzt, als hätten sie einen Termin mit dem Fotografen eines Modejournals, die anderen schlenderten gemütlich wie ich mit T-Shirt und bequemer Hose daher und dann waren da noch die dritten …

Auf den ersten Blick bemerkte man sie gar nicht. Bettler sind ja mittlerweile verpönt in den Landeshauptstädten, anscheinend wurden sie vertrieben, und tatsächlich sieht man nur mehr wenig bettelnde Leute herumgehen. Doch da war dieser Mann, er sah ungepflegt aus und verlebt, es war wohl ein Sandler. Ohne sich um die Leute ringsum zu kümmern, stocherte er mit einem Stab im Brunnen herum. Manche Menschen werfen dort ein paar Cent hinein und wünschen sich etwas, dieser alte Brauch hält sich offenbar immer noch bei dem einen oder anderen. Und genau um diese Cent bemühte sich der Mann. Dass er dabei mit erstaunten Blicken bedacht wurde, kümmerte ihn nicht; sich zu genieren, das hatte er sich längst abgewöhnt. Er konzentrierte sich voll und ganz auf seine Tätigkeit. Ging immer ein paar Schritte weiter um den Brunnen herum, versuchte mit dem Stecken die Geldstücke in seine Nähe zu bekommen – und wenn sie nahe genug am Brunnenrand waren, fischte er sie mit der Hand heraus.

Ist es nicht erschreckend da zuzusehen? Manche Menschen verdienen so viel Geld, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie damit anfangen sollen bzw. wie sie es am gewinnbringendsten oder zumindest in der heutigen Zeit am sichersten anlegen können, und die anderen buddeln im Brunnen herum, um zu ein paar Cent zu gelangen. Dieser große Unterschied zwischen Arm und Reich wurde mir wieder mal bewusst und erschreckte mich.

Es ist schon richtig für mich, wenn die Fleißigen unter uns mehr verdienen und sich auch mehr leisten können – aber muss der Unterschied wirklich so groß sein, dass die einen unter die Armutsgrenze fallen und nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben und die anderen mehr oder weniger im Geld baden und ohne Alarmanlage an ihrer Villa gar nicht mehr ruhig schlafen können?

In diesem Sinne hat der Wunschbrunnen am Linzer Hauptplatz heute seinen Zweck erfüllt – Menschen, die es sich leisten konnten, haben Geld hineingeworfen und sich etwas gewünscht – und dieser eine Mensch, der das Geld bitter benötigt, hat es für sich wieder rausgefischt um sich auch einen kleinen Wunsch erfüllen zu können. Danke Brunnen für deine Sinnhaftigkeit!

© Victoria