Buchhändlerinnen

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Buchhändlerinnen | story.one

Ein umfassendes Geständnis ist angebracht! Die vollständige Wahrheit muss ans Licht!

Ja, ich gestehe, über Jahre habe ich der Globalisierung gehuldigt, die Couch zum Thron meiner Konsumgelüste gemacht, den Laptop zum willigen Gehilfen und Vollstrecker meiner Bequemlichkeit missbraucht!

Fast alle meine Bücher habe ich in den letzten 10 Jahren online bestellt, bei einem jener weltumspannenden, weltverschlingenden, in alle unsere Poren eindringenden Monopol-Giganten, die in jeder Millisekunde unzählige Fantastillionen scheffeln, weil es Faulsäcke wie mich gibt; ich korrigiere: gab!

Aber ich habe dem Götzen abgeschworen, um Absolution ersucht beim Heiligen Bartholomäus (Schutzheiliger der Buchhändler) und ein Gelübte abgelegt: Meine Bücher werden ab sofort wieder im lokalen Buchhandel erworben.

In einem richtigen Geschäft, zu dem man gehen oder fahren muss. Mit Öffnungszeiten, die zu beachten sind, weil auch Buchhändler nicht 7x24 hackeln wollen. Mit liebevoll dekorierten Schaufenstern, die neugierig machen und Vorfreude zum Hineingehen erzeugen.

"Meine lokale Buchhandlung" liegt im Herzen von Stockerau, am Dr. Karl Renner-Platz. Sie präsentiert sich als kleines Eck-Geschäft, ist gut sortiert und übersichtlich.

Wird das gesuchte Buch nicht gefunden, stehen die Buchhändlerinnen gerne beratend zur Verfügung. Freundlich, geduldig, kompetent und eine Ruhe ausstrahlend, die das Literatur-Herz froh macht. Nie würde man hier das Gefühl haben, "schnell kaufen zu müssen". Auf jede Frage gibt´s bereitwillig Antwort, Rat oder einen persönlichen Tipp.

Jüngst fragte ich nach einem neuen Buch, bei welchem ich mich nur an den Vornamen des Autors zu erinnern glaubte: Jonathan. Und, dass er Zeitgenosse und Brite wäre. Sogleich recherchierte die Buchhändlerin in ihren Verzeichnissen, im Internet und kramte in den eigenen Gehirnwindungen. Jonathan Swift? (nein, kein Zeitgenosse, übrigens der Autor von Gullivers Reisen) Jonathan Coe? (nein, letztes Buch 2018 erschienen) Jonathan Franzen? (nein, der ist ein Ami) Detektivisch vorgehend (vielleicht, weil die Krimis ganz nahe bei der Kassa zu finden sind?) wollte sie weitere Pfade aufnehmen, bevor ich unser Brainstorming dankend beendete. Fast meinte ich, sie wäre darüber ein wenig enttäuscht. Schließlich kam ich daheim drauf, dass es sich nicht um einen "Jonathan", sondern um einen "Swift" handelt, nämlich Graham Swift, dessen aktuelles Buch "Here we are" ich dann telefonisch bestellte.

Und noch eine Entdeckung: Ist das Warten an der Kassa üblicherweise eine lästige Angelegenheit, darf man in der Buchhandlung frohlocken, wenn man 3 Kunden vor sich hat; jubilieren, wenn es sogar 5 sind.

Wunderbar diese Extra-Zeit, um noch in einem unbekannten Buch zu schmökern, auszuspähen, welche Werke die anderen Kunden zu erwerben gedenken oder seine eigenen gewählten Bücher vorsichtig anzublättern.

Die Erkenntnis: Buchhandlungen sind Wohlfühlorte.

© ViktorJordan 06.06.2020