Impulsgeberin

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Impulsgeberin | story.one

Sie hatten sich bei einem Seminar kennengelernt. Es war ein schwungvolles, praxisorientiertes Seminar gewesen, das Neugierde weckte und die Teilnehmer ermutigte, das Gehörte, Gelernte, schon ansatzweise Ausprobierte zu vertiefen.

Nachdem sie beide gemeinsam im Seminar geübt hatten und begannen neue Fertigkeiten zu entwickeln, beschlossen sie sich wieder zu treffen. Zum Üben, Reflektieren und Reden.

So begann, was beide Ihren Ehepartnern und Freunden als Bekanntschaft und Lerngemeinschaft beschrieben.

Das neue Jahr hatte für beide mit größeren beruflichen Veränderungen begonnen: Sie machte sich selbständig in ihrem Kernkompetenzbereich, er wechselte in seiner Firma an die Spitze eines Geschäftsbereiches. Sie trafen sich selten und kurz, hielten sich mit WhatsApp-Nachrichten auf dem Laufenden.

Umso mehr freuten sie sich auf ein lange vereinbartes und ausgedehntes Mittagessen in einem italienischen Restaurant, das sie von früher kannte und das ganz in der Nähe seines neuen Büros gelegen war.

Ihre Unterhaltung drehte sich um die Herausforderungen ihrer beruflichen Neubeginne, ihre Kinder und Ehepartner und Weiterbildungsvorhaben. Das Steinpilz-Risotto schmeckte ihm vorzüglich, ihre Dorade mit Grillgemüse stellte sie zufrieden.

Kurz erlaubte er sich gedanklich abzuschweifen und sie zu betrachten, in jener Mischung aus Neugierde, Interesse und Musterung wie Männer es bei Frauen gelegentlich nicht unterlassen können. Sie war klug, hübsch, schlank und gepflegt und lachte selbstbewusst. Er mochte ihren Stil, sich zu kleiden und dezent zu schminken und er mochte ihr Faible für Rot.

Es gelang ihm ohne Mühe, seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gegenüber zu widmen.

Nachdem sie abschließend einen Cappuchino und er einen doppelten Espresso Macchiato bestellt hatten, wechselten sie noch einmal das Thema und sie begann von einer ihrer besonderen Passionen zu erzählen, dem Schreiben.

Vom Verlangen die für sie richtigen Worte zu suchen und zu formulieren, diese aneinander zu reihen zu Sätzen, die von Ereignissen und Begebenheiten erzählten, Gefühle und Sehnsüchte ausdrückten, Situationen und Zustände beschrieben und sich schließlich zu kleinen Geschichten entwickelten.

Ein Verlangen, das sie immer wieder befallen würde - manchmal mitten in der Nacht - und dem sie immer nachgeben musste. So lange, bis die Story fertig geschrieben war oder höchstens noch einen kleinen, späteren Feinschliff benötigte.

Sie erzählte mit so viel Begeisterung, Schwung und Energie, dass er unwillkürlich Freude und ein wenig Bewunderung empfand. Sich an seine schon so oft verschobenen Pläne, die eigenen Ideen und Gedanken zu Papier zu bringen, erinnern musste.

Er zahlte für beide, sie verabschiedeten sich herzlich.

Der Impuls ist eine physikalische Größe und wird unwissenschaftlich auch mit "Schwung" übersetzt.

Heute hatte er einen entscheidenden Schwung erfahren und sie war seine Impulsgeberin gewesen.

© ViktorJordan 08.03.2020