Letales Foulspiel

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Letales Foulspiel | story.one

Wenn junge Menschen sterben, legt sich eine besondere Schwere und Betroffenheit über die Trauernden. Das "Warum?" bleibt unbeantwortet, jede Hypothese und jeder Konjunktiv, die in die Vergangenheit hechten, stürzen ungebremst ab.

Wir versammeln uns vor der Kirche: Ein Pulk von Männern, Frauen und Kindern, Mitschülern, Sportkameraden, Bekannten. In Schwarz gekleidet.

Deine Mutter geht durch die Reihen, begrüßt jeden, wird umarmt, dankt fürs Kommen. Organisiert, gibt Auskunft. Fast scheint es, sie kann sich damit Momente der Ablenkung aushandeln. Dein Vater und deine Schwester wirken ruhiger, in sich gekehrt, halten sich.

Wir bewegen uns in Reihen angestellt in die Kirche und wundersamerweise finden wir alle Platz, setzen uns eng nebeneinander auf die Bänke.

Auf einer großen Leinwand, rechts über dem Altar, sehen wir ein Foto von dir, aufgenommen ein paar Monate vor deinem Tod. Die Chemo hat dir die Haare genommen, aber nicht deine Lässigkeit. Das Barett, das du trägst, verpasst dir einen verwegenen Ausdruck, deine Klamotten hast du immer treffsicher ausgesucht.

Der Pfarrer erzählt von Dir, zitiert Bibelstellen, betet mit uns. Erklärt, dass deine Trauerfeier nicht den Tod, sondern das Leben, dein Leben - und dein ewiges Leben - feiert. Er beschönigt nichts, findet einfühlsame Worte. Ich finde ihn sympathisch. Deine Mutter, dein Vater, deine Schwester weinen, umarmen sich fest.

Dann spricht deine Mutter zu uns. Gefasst, sehr strukturiert. Sie kann das wirklich gut. Erzählt von den letzten Monaten und Wochen mit Dir und den innigen Tagen vor dem Ende, gemeinsam in eurer Wohnung.

Gerade als du zu einem deiner jugendlichen Sprints angesetzt hast, wurdest du vom Leben gnadenlos niedergesäbelt. Du hast entschieden, dich nicht in Selbstmitleid und Schmerzen auf dem Spielfeld zu winden, obwohl du schon damals geahnt hast, dass du dich nie wieder vollständig erholen würdest.

Du hast entschieden, weiterzulaufen und so viele deiner Pläne, Ideen und Vorhaben in die Restzeit zu packen, wie möglich. Du hast weiter Tennis gespielt, Hip-Hop gehört, deine Kleidung designed, Shirts genäht und besprüht, Konzerte besucht, kleine Romanzen erlebt, mit Freunden die Nacht zum Tag gemacht, Wein getrunken und mit deiner Familie New York besucht.

Nach der Trauerfeier marschieren wir zum Friedhof. Einer nach dem anderen verabschieden wir uns von dir am Grab, in das deine Urne herabgelassen wurde. Werfen Erde hinein und kondolieren deinen drei engsten Angehörigen.

Es gibt keinen Trost für den Verlust des eigenen Kindes. Nur das Nicht-Alleinsein in den Stunden der tiefsten Trauer.

Als ich deine letzte Ruhestätte verlasse, sehe ich einige der Kinder zwischen den Grabsteinen umherflitzen. Das Begräbnis hat schon zu lange für sie gedauert. Ihre hellen, jungen Stimmen bilden einen Kontrapunkt zum heutigen Tag.

Sie erinnern uns, denke ich bei mir, weiterzumachen. Weiterzulaufen, bis unser eigener Schlusspfiff ertönt.

© ViktorJordan