Sperrstunde am Friedhof

Es war an einem lauen Sommerabend in den 90er Jahren, ich war damals etwa 17 Jahre, da hatten mein damaliger Freund und ich die Idee, auf den Kommunalfriedhof in Salzburg zu gehen. Wir wollten das Grab einer Verwandten suchen. Und wer schon einmal versucht hat, auf einem großen städtischen Friedhof ein Grab zu finden, auch wenn er die genaue Nummer des Bereichs kannte, der weiß, was das für eine Herausforderung sein kann.

Der Tag war schon etwas fortgeschritten, so etwa 5 Uhr nachmittags, als wir im Sektor 46 das Grab der verstorbenen Großtante suchten. Wir kamen vorbei an schön geschmückten Gräbern mit edlen Grabsteinen und ganz besonderen Inschriften, Geschäftsleute lagen da ebenso wie einfache Leute mit einem schlichten Grabstein. Aber auch ungepflegte Gräber gab es, bei denen wohl schon monatelang niemand mehr war. Es war spannend, die Gräber entlangzugehen, aber noch spannender wäre es gewesen, hätten wir endlich die letzte Ruhestätte von Tante Josefine gefunden.

Wir waren ratlos. Sind wir doch bestimmt ein bis zwei Stunden auf dem Friedhof herum gegangen. Aber ohne Erfolg. Dabei hatten wir gänzlich die Zeit übersehen und merkten, dass es langsam dämmrig wurde. Deshalb beschlossen wir, unsere Suche abzubrechen und nach Hause zu fahren.

Wir gingen also zurück zum Haupteingang und konnten es nicht glauben. Das große Eisentor war versperrt! Schock! Wir trauten unseren Augen nicht, was wir da lasen „Friedhof ab 19.00 Uhr geschlossen“. Mein Freund, der gelernter Zimmermann war, sagte spontan zu mir: „Komm wir kraxeln da einfach drüber“.

Nie im Leben hätte ich mich das gewagt. „Viel zu hoch. Das trau ich mich nicht“, antwortete ich. Das Eisentor war bestimmt 10 Meter hoch.

Jetzt war guter Rat teuer. In der damaligen Zeit, Anfang der 90er Jahre, hatten wir natürlich noch kein Handy, um jemanden anzurufen. Wen auch?

Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass die tatsächlich um 19.00 Uhr den Friedhof zusperrten, ohne sich zu vergewissern, ob noch jemand unterwegs war. Unglaublich!

Wir gingen also den Friedhof ab und suchten nach einem Ausgang. Aber außer einer hohen Friedhofsmauer war da nichts. Langsam wurde es dunkel und es war ziemlich unheimlich. Die Grablichter flackerten an den Grabstätten und an großen Denkmälern. Sehr gruselig und es kam mir vor wie ein schlechter Film!

Langsam begann ich zu realisieren, dass wir fest saßen. Wir liefen weiter, aber keine Chance. Auch die Friedhofsmauer war zu hoch, um darüber zu klettern.

Doch endlich, wir hatten schon gar nicht mehr daran geglaubt, kamen wir an einen Abschnitt, wo die Friedhofsmauer etwas niedriger war. Mein Freund machte mir eine „Räuberleiter“ und so gelangte ich auf die Mauer. Endlich! Kurz darauf folgte auch er mir und wir konnten die andere Seite erreichen. Ich war heilfroh und sehr erleichtert, dass wir es geschafft hatten.

Seit diesem Zeitpunkt vergewissere ich mich immer, wenn ich wieder einmal am Friedhof unterwegs bin, ob und wann er zugesperrt wird.

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