Der geistige Flugmodus

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Der geistige Flugmodus | story.one

Das Wort "Reizüberflutung" mochte ich eigentlich nie besonders. Ich kann mich an mehrere Situationen in meiner Kindheit erinnern, in der meine Eltern diesen Begriff verwendet haben, meist weil sie vermutlich selbst überfordert von der Vielzahl an Eindrücken, Emotionen und Situationen waren und die Reißleine ziehen wollten. Seitdem ich seit fast zwei Jahren Vater bin und merke, wie sich Eindrücke und Emotionen verstärkt haben, kann ich langsam verstehen, warum alles ab und zu einfach zu viel werden kann.

Spätestens seit dem Moment, als mir die eigene Meditations-App, die einem ja eigentlich helfen sollte, achtsamer zu sein, um besser in sich selbst ruhen zu können, die fünfte Push-Notification an einem Tag auf das Smartphone geballert hat, ist mir klar geworden, dass innere Ruhe nichts planbares, nichts kalendarisches und vor allem nichts käufliches sein kann. Die große Lügen der Werbung ist es, die einen glauben lassen will, den Moment der Ruhe und der vollkommenen Zufriedenheit liege in irgendeinem Wellness-Sessel einer Therme nach dem Most-Aufguss in der Fasslsauna, an irgendeinem entlegenen Sandstrand einer karibischen Insel oder auf einer einsamen Straße im eigenen Kraftfahrzeug ohne Dach. Ins Smartphone starrende Thermenbesucher, Kreuzwort-rätselnde und schweigende Ehepaare an einem mit Zigarettenstummeln übersäten Strand und Männer fortgeschrittenen Alters, die am Weg zur vermeintlichen Freiheit alle hintereinander im Stau stehen, zeigen, was wirklich Sache ist.

Meiner bescheidenden Erfahrung nach kommt die Klarheit und die damit einhergehende innere Ruhe ganz ohne Pathos daher. Es sind, wie so oft im Leben, die kleinen Gesten, die kurzen Augenblicke, die ungeahnte Schönheit und Echtheit mancher Momente, die zählen und nach Innen wirken.

Das leise Atmen deines eigenen Kindes, nachdem es nach einem stressigen Tag neben dir im Bett eingeschlafen ist.

Der Blick aus dem Fenster eines Zuges, in dem du schon dutzende Male gesessen bist, aber dessen Ausblicke du anscheinend noch nie richtig wahrgenommen hast.

Der Text eines Liedes, den du bis heute nie richtig deuten hast können, der in dem Augenblick aber so wirkt, als wäre er nur für dich geschrieben worden.

Der Moment, in dem du bemerkst, dass du etwas eigenes, etwas kreatives geschaffen hast, dich aber nicht an den Prozess an sich erinnern kannst, weil du so vertieft darin warst.

Aber auch die bittere Erkenntnis, sein Leben womöglich im Bürosessel und mit Excel-Tabellen zu verschwenden, die einen um 10:21 Vormittags plötzlich wie ein Medizinball mitten ins Gesicht trifft, kann in Nachbetrachtung ein positiver Moment der eigenen Klarheit sein.

Das eigene Smartphone auf lautlos stellen kann jeder, den eigenen Empfang aber auf solche Momente zu richten, diese zu konservieren und schätzen zu lernen, wäre die eigentliche Alternative zum geistigen Flugmodus, den wir alle leider nur zu oft aktiviert haben.

© w8er 24.11.2019